Wärmeplanungsgesetz: Jeder Zweite zahlt zu viel für Fernwärme

Die Bundesregierung hat dem Gesetzentwurf zur Wärmeplanung und Dekarbonisierung der Wärmenetze zugestimmt. Ziel des Gesetzes ist es unter anderem, die Länder bzw. Kommunen zu verpflichten, lokale Pläne für eine klimaneutrale Wärmeversorgung deutscher Haushalte und Gewerbe auszuarbeiten. Als Berechnungsgrundlage sollen bereits vorliegende Verbrauchsdaten der Energieversorger dienen. Doch häufig wird die Anschlussleistung für die zentrale Wärmeversorgung zu hoch angesetzt – zum Nachteil von Immobilieneigentümern, Mietern und Klima. Maximilian Hengstenberg, Geschäftsführer der Energieberatung senercon GmbH (www.senercon.de), empfiehlt Energiebeziehern, ihren individuellen Wärmebedarf fachgerecht analysieren und optimieren zu lassen – und so das große Einsparpotenzial zu nutzen.

„Die Bereitstellung von Fernwärme ist ein entscheidender Faktor bei der flächendeckenden und umweltfreundlichen Wärmeversorgung deutscher Haushalte und Gewerbe“, so Maximilian Hengstenberg. „Der Gesetzesentwurf ist daher ein wichtiger erster Schritt in Richtung klimaneutrale Energiesicherheit.“

senercon bzw. dessen Vorgängerunternehmen ArbeitsGruppe Energie berät seit 1994 Eigentümer fernbeheizter Mehrfamilienhäuser zur Angemessenheit ihres Grundpreises. Dieser ist bei Fernwärme maßgeblich von der bestellten Anschlussleistung (Anschlusswert) abhängig. „Der Wert bezeichnet die maximale Leistung an Fernwärme, die ein Energieversorger für eine Liegenschaft bereitstellt“, so der Energieexperte Hengstenberg. „Sie wird in der Regel so berechnet, dass ausreichend Wärmeenergie zur Verfügung steht, um auch an den kältesten Tagen 20 Grad Celsius Innentemperatur zu erreichen.“

Übersteigt der Anschlusswert aber den tatsächlichen Bedarf, ergeben sich daraus auch ein zu hoch angesetzter Fernwärmepreis und somit unnötig hohe Heizkosten. „Nach unserer Erfahrung liegt die Anschlussleistung im Mittel des Gebäudebestands etwa 30 Prozent über dem tatsächlichen Bedarf“, so die Erfahrung des senercon Experten. Der Grundpreisanteil beträgt bei Fernwärme je nach Versorger zwischen 20 bis 50 Prozent des Gesamtpreises. Durch eine Reduzierung der bestellten Anschlussleistung auf den tatsächlichen Bedarf lassen sich der Fernwärmepreis und damit die Heizkosten bei heutigen Preisen um zehn bis 15 Prozent reduzieren.

Zu hohe Anschlussleistung: Jeder Zweite zahlt zu viel

Eine überdimensionierte Anschlussleistung sei sogar eher die Regel als die Ausnahme, konstatiert Hengstenberg, der mit senercon über den bundesweit größten Datenbestand zur Fernwärme verfügt: „Wir gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Energiebezieher zu viel bezahlen. Das kann beispielsweise daran liegen, dass eine Anschlussleistung von Anfang an zu großzügig oder nach einer energetischen Gebäudesanierung nicht neu berechnet wurde“, so der Experte.

Er empfiehlt Hauseigentümern und Mietern, ihren Anschluss von einem spezialisierten Energieberater prüfen und optimieren zu lassen. Dazu findet ein Schnellcheck der Heizkosten- und Fernwärmeabrechnung statt. Ergibt sich daraus eine zu hohe Anschlussleistung, berechnen Fachleute anschließend den tatsächlichen Bedarfswert. Dazu werden mit Hilfe der Energieanalyse aus dem Verbrauch (EAV / DIN EN 12831 Beiblatt 2) Verbrauchsdaten analysiert. „Lässt sich dabei ein nennenswertes Einsparpotenzial feststellen, können Energiebezieher ihren Energieversorger auffordern, die Anschlussleistung zu senken. Der Versorger ist dazu einmal jährlich verpflichtet, solange sich die Anschlussleistung um maximal 50 Prozent reduziert“, weiß Maximilian Hengstenberg (§ 3 AVBFernwärmeV).

Anwendungsfall: 17.000 kW über Bedarf

Was das in der Praxis bringt, zeigt der konkrete Fall eines großen Immobilienunternehmens mit Sitz in Berlin: Die bundesweit tätige Gesellschaft erwirbt, modernisiert und verwaltet Büroimmobilien im eigenen Bestand. Im Rahmen einer turnusmäßigen Heizanlagenüberwachung aller Liegenschaften stellte sich heraus, dass für fast alle der 25 mit Fernwärme versorgten Gebäude eine Reduzierung der Anschlussleistung möglich war. „Nur bei einem der Häuser haben unsere Experten kein Einsparpotenzial festgestellt“, so Hengstenberg. „Nach unserer Überprüfung überstieg die Anschlussleistung des Bestandes den tatsächlichen Bedarf um insgesamt fast 17.000 kW, was etwa 37 Prozent entspricht.“ Entsprechend hoch ist in der Folge die Kosteneinsparung, von der die Mieter der Immobilien nachhaltig profitieren – und das bei gleichbleibend guter Wärmeversorgung.

Korrektur fördert optimale Auslastung der Fernheizkraftwerke

Die mit der korrigierten Anschlussleistung einhergehende Kostensenkung für Hauseigentümer und Mieter ist aber nicht der einzige Vorteil einer solchen Überprüfung: Analysebasierte – und damit in 50 Prozent der Fälle niedrigere – Anschlussleistungen machen Kapazitäten für den Anschluss weiterer Liegenschaften an bereits vorhandene Netze frei. „Der wäre bei Bedarf schnell umsetzbar und könnte so eine alte, klimaschädliche, zentrale Wärmeversorgung, die noch auf fossile Brennstoffe baut, kurzfristig ersetzen“, konkretisiert Maximilian Hengstenberg von senercon. Der Fernwärme-Experte ist sicher: „In Deutschland könnten erheblich mehr Haushalte von einer zunehmend umweltfreundlichen und krisensicheren Wärmeversorgung profitieren, ohne dass dazu zusätzliche Wärmekraftwerke gebaut werden müssen. Realistische Anschlussleistungen sind entsprechend ein wichtiger Beitrag zur von der Politik angestrebten Klimaneutralität – genauso wie es der Gesetzesentwurf vorsieht.“

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