Fokussierung auf Gebäudehülle schafft Probleme

„Moment mal!“: Die Bundes­arbeits­­gemeinschaft Immo­bilien­wirtschaft Deutschland (BID) bezieht Stellung.

Die Baukosten sind auf einem Rekordhoch, die Lieferketten unter Druck, der Fachkräftemangel ist noch immer ein ständiger Begleiter – da kommt die Bundesregierung auch noch auf die Idee, die Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) versteckt durchs Parlament zu bringen. Klingt wunderlich? In diesen bewegten Zeiten hat nicht immer Handeln mit Realitäten zu tun. Statt Änderungen im Referentenentwurf vorzunehmen, verabschiedete die Ampel-Koalition im Kabinett kurzerhand eine „Formulierungshilfe für einen Änderungsantrag der Fraktionen der SPD, von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP“ zum Energiewirtschaftsgesetz (EnWG). Die GEG-Änderung wurde dabei unter der Hand und ohne Ankündigung eingefügt und ist nun im Klimaschutz/Energie-Ausschuss in der Debatte.

Die Änderung sieht die Erhöhung des GEG-Standards auf EH 55 vor. Damit verschärfen sich die Anforderungen auch an die Gebäudehülle. Wir von der Bundesarbeitsgemeinschaft Immobilienwirtschaft Deutschland (BID) lehnen jedoch eine einseitige Fokussierung auf die Gebäudehülle ab, da erwiesenermaßen Gewerbeimmobilien aufgrund von mehr Dämmung auch mehr Kühlung benötigen. Die Energiebilanz wird damit negativ, auch bei Wohnimmobilien ist der CO2-Effekt kaum messbar, während die Baukosten stark steigen. Daher sollte vielmehr der Fokus auf Effizienz in der Anlagentechnik, Nutzung erneuerbarer Energien im Gebäude und effizienten Gebäudebetrieb, der über ein Energie- und CO2-Monitoring nachgewiesen werden kann, liegen.

Die Ausgestaltung des GEG und die Festlegung von Gebäudestandards haben immense Auswirkung auf die Branche. Dennoch wurde keine Verbändeanhörung seitens der Ministerien durchgeführt. Mittlerweile erfolgte die 1. Lesung und die Fachausschüsse befassen sich mit dem Thema.

Dabei hätten wir von der Immobilienwirtschaft gerne partnerschaftlich und transparent an der Novelle mitgearbeitet – wir begrüßen grundsätzlich, dass die Bundesregierung das Gebäudeenergiegesetz modernisieren will. So bedarf beispielsweise das starre System der Referenzgebäude in Hinblick auf CO2 als künftig wichtige „Klima-Zielgröße“ einer Überarbeitung. Wir haben immer wieder das Gespräch mit Politik und Ministerien gesucht. Das zuständige Wirtschaftsministerium steckt jedoch den Kopf in den Sand. Es ist daher enttäuschend, dass die wichtige Änderung der Neubaustandards im Stil der Camouflage kurzfristig in einem anderen Gesetzgebungsverfahren versteckt worden ist. Zudem hat unsere Klimastudie vom letzten November bereits gezeigt: Zusätzliche Anforderungen an die Gebäudehülle sind nicht nur wirtschaftlich sinnlos, sondern auch die Orientierung am Lebenszyklus spricht gegen die Produktion und Entsorgung von zusätzlichem Dämmmaterial.

Nach Berechnungen des ZIA führt die Erhöhung des jetzigen Standards auf ein EH-55-Niveau lediglich zu einer CO2-Reduktion von zirka 0,5 Millionen Tonnen jährlich. Dem gegenüber entstehen laut Gesetzentwurf zusätzliche Kosten von rund 430 Millionen Euro pro Jahr für Bürger und Wirtschaft. Wie sollen so 400.000 Wohnungen jährlich neu errichtet werden? Wir können nur hoffen, dass solche Manöver der Ampel die absolute Ausnahme bleiben und es wieder ein Comeback der konstruktiven Zusammenarbeit gibt.

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