Bauen im Bestand

Zellulosebläser

In Berlin werden derzeit die obersten Geschossdecken von Siedlungshäusern der frühen DDR nachträglich gedämmt. Durch den Einsatz eines lose einblasbaren Zellulosedämmstoffes gestaltet sich Maßnahme als wirtschaftlich: Die Dachkonstruktion muss nur an wenigen Stellen geöffnet werden, zeitaufwändige Zuschnitte vor Ort entfallen und die Kosten halten sich in Grenzen.

Die energetische Sanierung des Gebäudebestandes ist ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende. Die von der Bundesregierung im Rahmen des Energiekonzeptes 2050 und der Energiewende geschlossenen Zielvorgaben sind nur erreichbar, wenn die Energieverluste über die Gebäudehülle konsequent reduziert werden. Experten zufolge gehen in Wohnhäusern allein über den Dachbodenbereich bis zu 20% der Wärme verloren. Eine der effizientesten Dämm-Maßnahmen mit dem besten Kosten-Nutzen-Effekt ist die Dämmung der obersten Geschossdecke. Die entsprechenden Maßnahmen, die bereits seit der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 vorgeschrieben sind, können in aller Regel einfach und unkompliziert sowie relativ preiswert durchgeführt werden und sorgen zusätzlich zum Wärmeschutz für ein wohnhygienisch einwandfreies und behagliches Raumklima. In Berlin-Weißensee werden derzeit 29 Wohnblöcke des Typs Q3A energetisch verbessert. Dabei wird im Bereich zwischen der obersten Geschossdecke und dem flach geneigten Dach eine Einblasdämmung aus Zellulose eingebracht.

Die Mehrfamilienhäuser in Berlin sind typisch für die Siedlungsbauten in der DDR der 1950er und 1960er Jahre. In Modulbauweise erstellt mit Wänden aus industriell vorgefertigten Betonblöcken und Zimmerdecken, die aus mehreren ca. 15 cm dicken Beton-Deckenplatten zusammengesetzt wurden, gelten sie als die Vorläufer der späteren sog. Plattenbauten. Anders als diese sind die ca. 60 m langen und 12 m breiten Blöcke jedoch nur 4-geschossig und mit einem sehr flach geneigten Kaltdach mit bituminöser Dachabdichtung, das als Satteldach ausgebildet ist, ausgestattet. Mit einer Fläche von mehr als 700 m² ist die Konstruktion eine wahre Energieschleuder und bietet ein großes Potential zur Energie-Einsparung und damit gleichzeitig zur Verbesserung der Wohnqualität.

Fläche weder begeh- noch bekriechbar

Um in den Wohnungen der oberen Etage keine Arbeiten durchführen zu müssen und eine Beeinträchtigung der Mieter weitgehend zu vermeiden, war von Anfang an geplant, die Dachboden-Dämmung möglichst decken­oberseitig auszuführen. Bedingt durch die Brettbinder-Konstruktion mit geringer First-Aufbauhöhe war der Speicherraum an der höchsten Stelle nur 45 cm hoch. Die Fläche war also weder begeh- noch bekriechbar, so dass keine Dämmplatten ausgelegt werden konnten. „Man hätte dann“, so Dachdeckermeister Oliver Friedrich und Chef der ausführenden Firma mitgeDACHt Dämmtechnik aus Zühlsdorf in Brandenburg, „Gefach für Gefach öffnen müssen, um die Mattenware einbringen zu können. Das wäre zu aufwändig und damit zu teuer geworden.“

Ebenfalls als unwirtschaftlich verworfen wurde eine Sparrendämmung. Bei der Planung der Maßnahme hat sich der Einsatz einer Einblas-Dämmung als einzig vernünftige Lösung herauskristallisiert. Dafür sprach vor allem die unkomplizierte Verarbeitung. „Das Material“, erläutert der Fachmann, „kann dank einer speziell abgestimmten Maschinentechnik schnell und einfach eingebracht werden. Auch kleinste Hohlräume werden damit immer perfekt gefüllt und die Konstruktion muss dafür nur an einigen wenigen Stellen geöffnet werden.“

Eine Auffassung, die durch die „Metastudie Wärmedämmstoffe – Produkte Anwendungen Innovationen“ des Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V. München (S. 126) gestützt wird. Danach lassen sich, wenn keine besonderen Anforderungen an die Druckfestigkeit der Dämmstoffe gegeben sind, die niedrigsten Kosten aktuell mit Mattendämmstoffen aus Glas- oder Steinwolle sowie mit Einblasdämmungen wie z.B. aus Zellulose erreichen. Bei Letzteren würden sich vor allem die geringen Verarbeitungskosten preissenkend auswirken. Der Zuschnitt der Materialien entfalle und es müssten keine zusätzlichen Hilfsstoffe wie Kleber oder Mörtel verwendet werden. „Einblasdämmungen“, so die Studie, „können also eine kostengünstige Lösung sein, wenn die notwendigen konstruktiven Voraussetzungen bestehen.“

Die Wahl fiel schließlich auf die Zellulosedämmung Dämmstatts CI 040 der Dämmstatt W.E.R.F. GmbH aus Berlin, einem Mitglied der isofloc Gruppe. Damit kam eine technisch ausgereifte Zellulosedämmung zum Einsatz, die umweltfreundlich und energiesparend hergestellt wird. Der Metastudie „Wärmedämmstoffe – Produkte Anwendungen Innovationen“ zufolge (S. 117), liegt die energetische Amortisationszeit von Zelluloseflocken bei einem Ausgangs-U-Wert von 1,4 W/m² K (typischer Wert für Wände im Altbau) und einem Sanierungsziel von 0,24 W/m² K bei nur 1,2 Monaten. Zum Vergleich: Steinwolle und Schaumglas erreichen knapp zwei Jahre. Der einblasbare Dämmstoff passt sich beim Befüllen optimal an die verschiedensten Hohlräume an. Durch die lose Form kann jede Dämmstärke und jede Geometrie fugen- und verschnittfrei gedämmt werden. Dies erhöht die Einbaugeschwindigkeit sowie die Wirtschaftlichkeit zusätzlich.

Dämmfläche von insgesamt 24.000m²

Neben einfacher Verarbeitung und wirtschaftlichen Aspekten waren es vor allem bauphysikalische Gründe, die im vorliegenden Fall für den Zellulosedämmstoff sprachen: Hervorragende Wärmedämmfähigkeit, hohe Materialdichte und gute Wärmespeicherfähigkeit wirken nicht nur gegen Kälte, sondern bieten auch einen ausgezeichneten sommerlichen Wärmeschutz: An heißen Tagen verzögert sich hierdurch der Wärmedurchgang und ein Aufheizen der Räume unter dem Dach wird verringert. Dies steigert den Wohnkomfort im Dachgeschoss deutlich und sorgt für ein behagliches Raumklima.

Ein weiteres Entscheidungskriterium für die Zellulosedämmung waren die hygroskopischen Eigenschaften: Zellulose nimmt Feuchtigkeit auf, speichert sie und gibt sie nach und nach wieder ab. „Wir haben hier“, erklärt O. Friedrich, „eine Dachkonstruktion mit einer diffusionsdichten Schicht oberhalb der Wärmedämmung und keine Dampfsperre.“ Konstruktionsbedingt komme es daher zu einem Feuchtigkeitseintrag in die Dämmkonstruktion. „Ein feuchte-toleranter Dämmstoff wie Zellulose minimiert das Risiko einer Tauwasserbildung an der Dachschalung und bietet eine größere Sicherheit.“

Hinzu kamen logistische Gründe: „Bei einer Größenordnung von insgesamt mehr als 24.000 m² Dämmfläche“, so Friedrich weiter, „war es vorteilhaft, einen Baustoff zur Verfügung zu haben, der kurzfristig abgerufen werden kann. Durch den Berliner Standort des Herstellers waren außerdem die Transportwege kurz.“ Um bei der Größe der Maßnahme die Leistungsfähigkeit seines Betriebes auch für andere Auftraggeber zu erhalten, wurde der Auftrag in sechs Bauabschnitte unterteilt. Verteilt auf einen Zeitraum von zwei Jahren werden dabei für ein Dämmvolumen von ca. 5750 m³ etwa 230.000 kg Zellulosedämmung verarbeitet.

Möglichst kleine Öffnungen

Um den Dämmstoff einzubringen, legten die Mitarbeiter pro Gefach in Firstnähe eine etwa 50 x 50 cm große Öffnung an. „Bei einer Gebäudebreite von 12 m“, erläutert der Dämmspezialist das Vorgehen, „konnten wir so das gesamte Gefachfeld nach beiden Seiten gleich gut einsehen. Vor allem war es so möglich, die Schlauchführung exakt zu verfolgen und den Materialausgang genau zu kontrollieren.“ Die Größe der Öffnungen war zudem so bemessen, dass sie später mit möglichst wenig Aufwand wieder geschlossen werden konnten. Insgesamt wurden pro Haus 35 Öffnungen im Abstand von 1,7 m vorgesehen. Bei einigen Häusern besteht die Dachschalung aus Beton. Hier wird jedes Gefachfeld mit jeweils drei Kernbohrungen in einem fest definierten Abstand angebohrt und die Schlauchführung mit einer Endoskop-Kamera überwacht. „Etwas trickreich, aber machbar“, bestätigt Dachdeckermeister Friedrich.

Mit einer speziell auf die Materialeigenschaften der Zellulosedämmung abgestimmten Maschinentechnik wurde der Dachraum mit dem Dämmstoff befüllt, der sich dabei optimal an die Gegebenheit vor Ort anpasste. Durch die hohe Einblasdichte und den absolut fugenfreien Einbau konnte eine setzungssichere Dämmschicht mit hoher Dämmwirkung erreicht werden. So beträgt nach der Maßnahme der mittlere U-Wert ca. 0,13 W/m²K bei einer durchschnittlichen Dämmdicke von 27,5 cm. Damit werden bei diesen Wohnungen die obersten Geschossdecken weit über den Anforderungen der aktuellen EnEV gedämmt, die in diesem Fall einen maximalen U-Wert von 0,24 W/m²K verlangt. Für jedes Haus wurde bzw. wird ein Einzelnachweis erbracht.

Nur drei bis fünf Tage inklusive Öffnen und Schließen des Daches benötigen Oliver Friedrich und seine Mitarbeiter für die Dämmung der mehr als 700 m² großen Dachflächen eines Wohnblocks. Mit der hohen Dämmwirkung bei gleichzeitig einfacher und schneller Verarbeitung erweist sich im vorliegenden Fall der lose, einblasbare Zellulosedämmstoff als die Alternative mit der größten Wirtschaftlichkeit und der größten Ausführungssicherheit.

Die Dämmung wurde über lange Schläuche auf das Dach transportiert und in den Dachraum eingeblasen.

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