Wohnen über ‘m Supermarkt

Der Immobiliendienstleister Drees & Sommer greift Themen auf, die die Branche bewegen.

Bezahlbarer Wohnraum im Ballungsgebiet? Das ist in Deutschland eher Mangelware. Ausreichend mit Waren bestückt sind in der Regel hingegen Supermärkte. Diese gehören mittlerweile zu fast jeder Stadt und Gemeinde hinzu – und könnten das Problem mit der Wohnungsnot zumindest etwas lindern.

Aldi, Lidl und Co. machen es schon seit einigen Jahren vor, das Wohnen über einem Supermarkt. Besonders in Metropolen wie Berlin gelten derartige Mischgebäude als Erfolgsrezept: Im Erdgeschoss befinden sich die Verkaufsflächen, obendrüber mehrere Geschosse an Wohnungen.

Win-Win-Situation für mehrere Parteien

Die Discounterisierung ist ein Phänomen, das erhebliches städtebauliches Potenzial birgt: Überbaut man eingeschossige Supermärkte mit Wohnungen, kann man vermeintliche Lücken in den dicht an dicht bebauten Innenstädten schließen. Aldi Nord beispielsweise kündigte 2018 genau dies an und möchte im gleichen Zuge seine Filialen sukzessive erneuern. Das Konzept bringt für mehrere Parteien Vorteile mit sich: Die Innenstädte werden verdichtet, Arbeitsplätze geschaffen und zusätzlicher, vergleichsweise günstiger Wohnraum entsteht. Gleichzeitig kann der Lebensmitteleinzelhandel zum Frequenzbringer für das ganze Viertel werden und das Geschäft in anderen Läden ankurbeln. Gerade in Zeiten von Online-Shopping und einem durch Corona stark angeschlagenen Einzelhandel könnten Quartiere so womöglich wiederbelebt werden. Zusätzlich schafft die Mischnutzung kurze, schnelle Wege für die Mietenden. Dieser Aspekt gewinnt vor dem Hintergrund einer immer älteren Gesellschaft zunehmend an Bedeutung.

Höhere bauliche Anforderungen bei Mischgebäuden

Von dieser treuen Kundschaft im Haus profitieren nicht zuletzt natürlich die Supermärkte selbst. Außerdem ist das Immobiliengeschäft für die Unternehmen eine Chance auf Zusatzeinnahmen – trotz der um bis zu 25 Prozent höheren Baukosten bei einer Mischnutzung: Zum einen müssen Bauherren bei einem solchen Gebäude mehr in den Schallschutz investieren, damit frühmorgendliche Warenanlieferungen die Bewohner nicht aus dem Schlaf reißen oder sie permanent durch sich öffnende und schließende Türen belästigt werden. Zum anderen sind die Anforderungen an die Statik viel komplexer als bei einem regulären Kastengebäude in Leichtbauweise. Auch der Genehmigungsprozess bei den Städten kann sich in die Länge ziehen – wenngleich eine Mischnutzung überhaupt erst die Türen dafür öffnen kann: Oft ist diese Kombination die einzige Chance für Supermärkte und Discounter auf weitere Filialen. Denn gerade Randlagen sind interessante Gegenenden für den so dringend benötigten Wohnungsbau.

Rückbesinnung auf die traditionelle Stadt

Neben der Kombination von Lebensmitteleinzelhandel und Wohnen sind auch andere Mixed-Use-Modelle möglich. Auf dem Dach einer Norma-Filiale in Nürnberg ist beispielsweise eine Kindertagesstätte angesiedelt. Denkbar wäre das Konzept ebenso für verschiedene Dienstleister: Oben Wohnungen, unten Gastronomie, Arztpraxen, Friseure oder Co-Working-Spaces. Hier ist derzeit ein Wandel zu beobachten: Während in den letzten 25 Jahren Immobilienportfolios nach Assetklassen getrennt wurden, geht der Trend nun in die gegensätzliche Richtung – weg von reinen Bürosilos, Wohnhochhäusern und Einkaufsstraßen hin zu einer Stadt der kurzen Wege, in der Arbeiten, Wohnen und Nahversorgung in direkter Nachbarschaft liegen.

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