Von der Industriestadt zur grünen Oase

Essen wurde bereits oft für kulturelles und ökologisches Engagement ausgezeichnet: 2001 für das UNESCO-Welterbe Zollverein, 2010 als Kulturhauptstadt Europas, 2013 und 2016 war sie Fairtrade-Stadt. Jetzt kommt der Titel „European Green Capital“ hinzu. Die EU ehrt damit Aktivitäten, mit denen die Ruhrmetropole Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum in Einklang bringt. Eine Rolle spielen dabei auch Quartiersentwicklungen und Wohngebäudesanierungen.

Früher fuhr Walter B. immer mit dem Auto zur Arbeit von Mülheim nach Essen zu Krupp in die  Altendorfer Strasse. Punkt 6 Uhr ging die Schicht in der Geschoss-Dreherei los. Bis nachmittags wurde gefeilt, gefräst, gebohrt. Bei Höllenlärm und Affenhitze. Heute ist der rüstige Rentner per Drahtesel über den Emscherradweg „nach Krupp“ geradelt, auf Tour mit ein paar Kumpels. „Gucken, wat hier so alles los is. Denn wie dat damals hier war, kann sich heute keiner mehr vorstellen“, sagt der inzwischen 75-Jährige im typischen Singsang des Ruhrgebiets.

Er hat Essen noch als Kohlehochburg erlebt, bei schlechtem Wetter smogverhangen und mit dem Geruch von verbrannter Asche in der Luft. Dass die knapp 590.000 Einwohner zählende Mittelstadt einmal als Europas grüne Kapitale geehrt werden würde, hätte er nie für möglich gehalten. „Gut, dat sich alles ändert“, sagt er und tritt in die Pedale.

Ehemaliges Krupp-Werksgelände wird zur grünen Lunge 

Eine Menge hat sich auf dem riesigen Gelände des ehemaligen Stahlgiganten getan: Wo einst Industriehallen standen und Walter B. an seiner Werkbank malochte, wird seit mehr als 10 Jahren an der Realisierung des sogenannten Krupp-Gürtels gearbeitet, eines der spannendsten städtebaulichen Projekte der Region. Auf 230 Hektar (das entspricht in etwa 322 Fussballfeldern!) entstehen moderne Quartiere, in denen sich Arbeiten, Wohnen, Einkaufen und Freizeit zukünftig mischen werden.

Ein Business-Campus, in dessen Mitte die mit zahlreichen Architekturpreisen bedachte, neugebaute Konzernzentrale von ThyssenKrupp für 2.000 Mitarbeiter thront, ist bereits vorhanden. Beliebt ist zudem der neu angelegte 220.000 m² umfassende Krupp-Park mit See und Sportanlage, der das Areal in Nord-Süd-Richtung durchzieht und mit dem an­­grenzenden Stadtteil Altendorf verbindet. Durch den Krupp-Gürtel hindurch fährt die Straßenbahnlinie 105 (die „Naturlinie“), mit der man in nur wenigen Minuten den Essener Hauptbahnhof erreicht oder über Schloss Borbeck ins idyllische Emschertal gelangt. 

Perspektiven für den Essener Norden schaffen

In 2017 beginnt die Bebauung des nördlichen Geländeteils des Krupp-Gürtels. Hier wird die ortsansässige Thelen-Gruppe ESSEN 51 realisieren, einen 52 ha großen Stadtteil nach neuesten ökologischen Maßstäben mit Platz für rund 2.500 Wohnungen, Büros für Hightech-Firmen und Dienstleister aller Art, Restaurants, Cafés sowie Einkaufsmöglichkeiten. Auch hier spielt die Einbettung in eine Parklandschaft mit Wasserläufen eine zentrale Rolle.

Wenn das gesamte Areal in einigen Jahren komplett fertiggestellt sein wird, verfügt der Essener Norden über ökologische und ökonomische Qualitäten, um die ihn andere Stadtteile nicht nur beneiden werden, sondern die ihn vor allem zukunftsfähig machen. Und genau darum geht es bei der „Grünen Hauptstadt Europas“: Durch umweltbewussten Weitblick neue Perspektiven für die Weiterentwicklung von Stadt, Wirtschaft und Gesellschaft zu schaffen.

Bisherige Bilanz kann sich sehen lassen 

Zu den 12 Themenfeldern, mit denen Essen die Jury der EU-Kommission von sich überzeugen konnte, gehören unter anderem Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, darunter die Reduzierung der CO²-Emissionen bis 2020 um 40 %, die Umsetzung eines multimodalen Nahverkehrskonzepts bestehend aus ÖPNV, motorisiertem Individualverkehr (MIV), Fahrradnutzung und fussläufiger Erreichbarkeit, sowie die Schaffung eines „grünen Wegenetzes“, das alle Bürger unterhalb von 500 m erreichen können. Vieles ist bereits auf den Weg gebracht. Zudem ist es der Stadt gelungen, ihren Gesamtenergieverbrauch zwischen 1990 und 2011 um 19,6 % zu senken, wozu auch die Gebäudesanierung beigetragen hat.

Beispielsweise bringt die kommunalnahe Allbau AG ihre rund 17.500 Wohneinheiten seit 2004 nach und nach in Schuß, wobei stets die stromfressenden Nachtspeicherheizungen durch umweltfreundliche Fernwärme ersetzt werden. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel der Mieter, was wiederum die Akzeptanz derartiger Maßnahmen fördert.

Akzeptanz ist ohnehin eines der Schlüsselwörter, wenn der ökologische Umbau gelingen soll. So nutzt die Stadt die Auszeichnung als European Green Capital auch dazu, die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Ressourcenschutz in Kombination mit einer umsichtigen Stadterneuerung und -weiterentwicklung breitenwirksam zu kommunizieren und dadurch Zuspruch für ihre klimapolitischen Ziele zu bekommen.

Konsens statt Konfrontation  

Hilfreich ist dabei auch die Initiative der Ehrenamt Agentur, die mit ihren regelmäßig stattfindenden Workshops zur Quartiersentwicklung dafür sorgt, dass die Akteure insbesondere in benachteiligten Stadtteilen miteinander ins Gespräch kommen und im Austausch bleiben. Denn die tollsten Sanierungskonzepte und Energieeffizienzbemühungen nützen wenig, wenn sie nicht verstanden und befürwortet werden.

Eingeladen sind deshalb Bürger, private Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, Makler, Handwerker sowie Vertreter aus Politik und von Verbänden, gemeinsam Ideen und Lösungen zu erarbeiten, durch die ihr Quartier lebenswerter werden kann. Die Anstrengungen zahlen sich aus, wie Stadtdirektor Hans-Jürgen Best berichtet: „An den verschiedenen Stadtteilkonferenzen nehmen regelmäßig rund 200 Menschen teil. Wir haben es vielfach geschafft, gerade bei den benachteiligten Menschen in den Quartieren neue Zuversicht zu erzeugen, die Nachbarschaft zu pflegen und das Zusammenleben zu stärken.“

Green Economy bringt Arbeitsplätze  

Der Wandel vom Industriestandort zur Wissensgesellschaft ist längst in vollem Gang: 12.755 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte arbeiten derzeit in der Umweltwirtschaft in Essen. Bis 2025 sollen weitere 20.000 Umweltjobs entstehen. Im gesamten Ruhrgebiet gibt es etwa 100.000, die im GreenTech-Sektor tätig sind, was einer Beschäftigung von 5,6 % in ganz NRW entspricht.

Darüber hinaus ist die Universität Duisburg-Essen in der Erforschung von Energie- und Umwelttechnologien engagiert. Erst kürzlich ist es ihr gelungen, einen mit 4,9 Mio. € dotierten Forschungsauftrag an Land zu ziehen. Und damit die Jüngsten von Kleinauf bereits ein Verständnis für naturwissenschaftliche Zusammenhänge entwickeln, setzt die Stadt auf Umweltbildung. Pro Jahr erhalten 40.000 Schüler praxisorientierten Unterricht, etwa im Grugapark und bei außerschulischen Fachführung.

Zudem unterstützt der in Essen ansässige Energiedienstleister ista die Stadt im Rahmen des European Green Capital mit einem konkreten Nachhaltigkeitsprojekt: Gemeinsam führt man „ista macht Schule“ durch, bei dem fünf weiterführende Essener Schulen mit modernster Technologie zum Messen von Energieverbräuchen ausgestattet werden. Auf großformatigen Info-Bildschirmen sind die Werte an prominenter Stelle auf dem Schulgelände abzulesen. Auf diese Weise sollen die Schüler ein Gefühl für den Energieverbrauch in ihren Klassenräumen bekommen. Geplant ist weiterhin, in Arbeitsgruppen zu überlegen, wie sich die Verbräuche mit einfachen Mitteln reduzieren lassen. 

So entsteht ein höchst differenziertes Bild: Einerseits mausert sich Essen zum GreenTech-Standort und zieht gutausgebildete Fach- und Führungskräfte an. Andererseits hat es mit einer überdurchschnittlich hohen und konstant bleibenden Arbeitslosenquote von rund 13 % zu kämpfen.

Modernes Quartier unterstützt den Wandel 

Eine weitere Herausforderung ist die Wohnungsknappheit. Denn nach Jahren der Ab­wanderung wächst die Stadt wieder. Einer Modellrechnung der NRW Bank und des Lan­­­­desministeriums für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr zufolge, benötigt die Ruhrmetropole bis 2020 etwa 11.000 neue Wohnungen. Den derzeitige Wohnungsleerstand schätzen Experten auf 3 %. Aufgrund großflächiger Konversionen, die sich oftmals in attraktiven Lagen befinden - wie das bereits erwähnte ehemalige Krupp-Werksgelände - verfügt die Stadt jedoch über genügend Reserven. 

Beispielsweise wird seit 2010 auf dem früheren Areal des Güterbahnhofs zwischen Limbecker Platz, Viehofer Platz und Grillostrasse am neuen Universitätsviertel gebaut. 13 ha stehen für Essens grüne Mitte zur Verfügung, auf der zur Zeit ein Mix aus Wohnen, Arbeiten und Erholen realisiert wird. Unter anderem baut hier VIVAWEST die „Limbecker Höfe“ mit 112 Wohneinheiten, die ALLBAU AG ist mit 78 Mietwohnungen vertreten, das Versorgungswerk der Architektenkammer NRW hat in 106 Mietwohnungen investiert und im Herbst 2017 wird die FUNKE MEDIEGRUPPE ihre neue Zentrale für 1.000 Mitarbeiter beziehen. Insgesamt fließen 230 Mio. € in die Entwicklung des campusartigen Geländes mit Grün- und Wasserflächen. 

Langfristiges Engagement ist gefragt

Weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist die Sanierung des Eltingviertels. Im Rahmen der „InnovationCity Ruhr“, einem Zusammenschluss öffentlicher und privater Partner, werden hierbei mehrere tausend Wohnungen grundlegend instandgesetzt und energetisch modernisiert sowie Grünflächen überholt, damit das Viertel nahe der Innenstadt wieder einen lebenswerten Charakter erhält und neben dem Vorteil von  Energieeffizienz und moderaten Mieten, auch die Gemeinschaft zwischen den Quartiersbewohnern stärkt.

Allein die Vonovia AG investiert mehr als 30 Mio. € in ihre 1.400 Wohnungen im Eltingviertel und signalisiert mit ihrem neu eröffneten Quartiersbüros, dass sie sich langfristig engagieren will. „Grundsätzlich bleibt das Essener Eltingviertel für uns auch in den nächsten Jahren ein Thema. Hier werden wir weiter mit unseren Partnern zusammenarbeiten, um die langfristige Quartiersentwicklung erfolgreich zu gestalten und fortzuführen“, erläutert Vonovia-Geschäftsführer Arne Fittkau die Strategie.  

Immer eine Reise wert

Kaum bekannt ist zudem, dass der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt ist. Mit über 14 Mio. Übernachtungen in 2014 ist Essen Spitzenreiter im Ruhrgebiet. Und nicht nur wegen der zahlreichen Industriedenkmäler kommen die Besucher, sondern auch wegen der naturnahen Ausflugsziele, wie den Baldeneysee, die Villa Hügel und den Emscher Landschaftspark, der im Zuge der IBA Emscher Park in den 1990er Jahren entstanden ist. Kommen zu diesen Errungenschaften nun noch nachhaltige Stadtquartiere und beispielhaft sanierte Wohnviertel hinzu, kann Essen tatsächlich zum Vorbild für andere Städte in Deutschland und Europa werden, die sich ebenfalls mitten im Strukturwandel befinden und nach Lösungen suchen. Einen Besuch ist die Ruhrmetropole in jedem Fall wert.

Durch nachhaltige Stadtquartiere und beispielhaft sanierte Wohnviertel kann Essen zum Vorbild für andere Städte in Deutschland und Europa werden, die sich ebenfalls mitten im Strukturwandel befinden.
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