Sozialer Wohnungsbau mal anders

Ist hochästhetisches, vorbildlich energieeffizientes und durchgängig barrierefreies Bauen möglich und rentabel, wenn die Wohnungen anschließend für 4,50 €/m2  vermietet werden? Gelungen ist dies bei dem Neubau einer Wohnanlage in Gelsenkirchen – dank kluger Lösungen in jeder einzelnen Gewerkleistung bis hin zur Fassadengestaltung mit Putz und Klinkerriemchen.

Ein Wohnhaus mit 35 Wohnungen zu bauen, geeignet für Menschen mit Behinderungen, auf aktuellstem energetischen Standard und mit überaus wertiger Ausstrahlung – das ist eigentlich nicht das Kerngeschäft einer Kirchengemeinde. In Gelsenkirchen-Hassel hat die evangelische Trinitatis-Kirchengemeinde Buer den Neubau von 30 geförderten und – im Staffelgeschoss – von fünf frei finanzierten 1,5- bis 3,5-Zimmer-Mietwohnungen zu ihrer Sache gemacht.

Wie wird eine Kirchengemeinde zur Bauherrin und wie schaffte sie es, das Gebäude, das jedem Klischee von sozialem Wohnungsbau widerspricht, für 3,3 Mio. € sogar noch fast 10 % günstiger als ursprünglich geplant zu realisieren?

Platz für 55 statt fünf Menschen

Seit Jahren sinken die Mitgliederzahlen der Gemeinden, auch in Gelsenkirchen. Weniger Pfarrstellen und weniger Gebäudebedarf sind die Folge. Im Stadtteil Hassel war das evangelische Pfarrhaus, An der Biele 3, direkt neben der Markuskirche, bereits seit 2009 verwaist, und mit ihm das 2.500 m² große Grundstück. „Die Kirchengemeinde hat gespürt, dass wir auf diesem nicht gebrauchten Grundstück etwas Tolles gestalten können: Wohnraum statt für eine Pfarrfamilie für – wie wir heute wissen – 55 Menschen“, erinnert sich Pfarrer Klaus Venjakob.

Dem Vorsitzenden des Presbyteriums der Kirchengemeinde und allen weiteren Verantwortlichen war aber an noch mehr gelegen: „Der Stadtteil Hassel verdient Auf­­merksamkeit und entsprechende bauliche Gestaltung“, so Klaus Venjakob. Dass ältere Menschen in ihrem Quartier wohnen bleiben und Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster kultureller Hintergründe ein Kiez-Denken entwickeln könnten – das „ereignet sich nicht von allein“. Die Prämissen, wertigen Wohnraum und ein Gebäude mit einnehmender Ausstrahlung zu schaffen, erfüllte der  Entwurf des Architekturbüros Rahim Sediqie aus Gelsenkirchen. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit waren die Wohnungen Ende 2013 bezugsfertig.

Klare und dabei wirtschaftliche Gestaltung

Die dreistöckige, L-förmige Wohnanlage besticht durch ihre klare Kubatur. Trotzdem wirkt der Baukörper leicht. Dazu trägt das große verglaste Treppenhaus ebenso bei wie die gesamte klug modellierte Fassade. Durch die schlanken Fensterelemente und ihre Verteilung, die Putzfassade in einem hellen, warmen Grauton und das in Klinkern abgesetzte Erdgeschoss wirkt der moderne Bau lebhaft und behält doch seine Eleganz. Beispielhaft lässt sich an der Fassadengestaltung aufzeigen, wie die Bauherrin und der Architekt optimale Funktion mit Ästhetik und Wirtschaftlichkeit zu vereinigen wussten.

Putz und Klinkerriemchen geben Charakter 

Ursprünglich war ein zweischaliges Vollklinkermauerwerk geplant, um ein ortstypisches Fassadenbild herzustellen. Mit Unterstützung von Frank Komosinski, Technischer Berater bei Brillux, nahm eine günstigere, aber ebenso aussagekräftige Lösung Form an. Ein einschaliges Plansteinmauerwerk wurde mit dem Wärmedämm-Verbundsystem Qju gedämmt. „Durch die Kostenersparnis bei dieser Bauweise konnten hochwertige Materialien wie keramische Beläge im EG und Edelstahlgeländer im Treppenhausbereich eingesetzt werden“, betont Frank Komosinski.

Die Ausführung mit dem WDV-System bietet neben besonders guten Wärmedämmwerten auch besonders plane Oberflächen: Die Dämmplatten werden im Nut- und Federsystem montiert und lassen sich mit entsprechenden Klebern und Zubehör hervorragend justieren. Für Architekt Rahim Sediqie passten diese Vorteile genau in sein architektonisches Konzept und überzeugten ihn. Nach Armierung, Auftrag des Putzes und einer abschließenden Beschichtung mit in Wunschfarbton getönter Acryl-Fassadenfarbe entsprach die Gebäudehülle den Vorstellungen des Architekten. Im Erdgeschossbereich erhielt das WDV-Sys­­tem Spaltklinker als Sichtfläche.

Diese sogenannten Klinkerriemchen lassen sich einfach verkleben und sind optisch nicht von einem Vollklinkermauerwerk zu unterscheiden. Kein Wunder: Sie werden ebenso wie Klinkersteine hergestellt, glasiert und gebrannt und lassen sich farblich wunschgemäß zusammenstellen. Das ungewöhnliche und dabei günstigere Erscheinungsbild gefiel auch der Bauherrin. Klaus Venjakob: „So hat das Haus schon von außen einen eigenen Charakter bekommen. Die Klinkerriemchen in dieser Ausführung harmonieren mit dem feinen grauen Putzfarbton in meinen Augen auf besonders gute Weise.“

Barrierefreiheit und Betriebskosten im Blick

Auch im Innenraum verbindet das Wohnhaus gute Form mit zeitgemäßer Funktion. Die Wohnungen und die Erschließung sind komplett barrierefrei – inklusive der Aufzüge, die sogar für Liegendtransporte geeignet sind. Hinsichtlich Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und auch zukünftiger überschaubarer Unterhaltskosten setzt das Gebäude Maßstäbe. Das Wohnhaus ist an die Fernwärmeversorgung angeschlossen und verfügt über eine kontrollierte Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Diese Maßnahmen schlagen mit 30 % Energiekostenersparnis zu Buche.

Ein Konzept, das trägt

Es ist fast unnötig, es zu betonen: Das Mehrfamilienhaus An der Biele 3 kennt keinen Leerstand. Die Warteliste interessierter Mieter ist lang. Überwiegend sind Menschen der Generation 60+ in den schmucken Bau eingezogen. Rund 90 % der heutigen Mieter kommen aus dem Stadtteil. Für Hassel und seine Menschen ist das Gebäude also ein Gewinn – und auch für die Trinitatis-Kirchengemeinde Buer? Klaus Venjakob formuliert das so: „Wenn eine Kirchengemeinde Bauherrin wird, tut sie das natürlich auch, um langfristig die Einnahmesituation der Kirche zu verbessern, gerade vor dem Hintergrund sinkender Ge­­­meindemitgliederzahlen und damit sinkendem Kirchensteueraufkommen.“

Die Trintitas-Kirchengemeinde engagiert sich weiter als Bauherrin, um den Standort Gelsenkirchen-Hassel im positiven Sinne weiterzuentwickeln, auch bei Projekten, die eher ideell als renditeorientiert sind. Derzeit laufen die Vorbereitungen dafür, auch die be­­nachbarte, entwidmete Markuskirche in barrierefreien Wohnraum umzuwandeln – unter Erhaltung des Kirchenbaukörpers, der eine wichtige Landmarke im Quartier ist.

Die Klinkerriemchen lassen sich einfach verkleben und sind optisch nicht von einem Vollklinkermauerwerk zu unterscheiden.

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