Intelligente Gebäude

Nie wieder keine Ahnung

In ihrem neu eröffneten Demonstrationsraum macht die Q-Data Service GmbH in Hamburg Gebäudetechnik produktübergreifend und herstellerneutral für die am Bau Beteiligten begreifbar. Keine leichte Aufgabe, denn neben dem Wissenstransfer muss mit Irrtümern aufgeräumt werden.  

Gebäude im Jahr 2030: Vernetzte Systeme sorgen für den optimalen Einsatz regenerativer Energien, digitale Technologien unterstützen bei der Prozesssteuerung, die Objektwartung geschieht automatisiert und das Immobilienmanagement basiert auf Datenanalyse. Kein Gramm des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 entweicht unnötig, kein Vorgang im Gebäude bleibt unerkannt. Willkommen im Zeitalter von Smart Buildings!

Was für den überwiegenden Teil der Immobilienwirtschaft nach ferner Zukunft klingt, wird aktuell in mehreren Großstädten gebaut: In Berlin heißen die Intelligenzbestien „Cube“ und „Grand Central“, in Hamburg „The Pier“ und in Köln „The Ship“, die mit zukunftsweisenden Gebäudelösungen ausgestattet werden, die Informationstechnik als Grundlage für den Betrieb nutzen. Doch nicht nur Gewerbeimmobilien werden zunehmend smarter. Auch vor Wohngebäuden macht der technische Fortschritt nicht halt, wie das zukunftsweisende Wohnquartier „Future Living Berlin“ zeigt.

Stiefkind Gebäudetechnik

Die Neugierde der Branche auf die „Smartphones in Beton“ ist ebenso groß wie die Skepsis. Zukünftig soll der Gebäudebetrieb softwarebasiert funktionieren? Alle Prozesse sollen aufeinander abgestimmt verlaufen? Wie kann das gehen, wenn schon ein koordiniertes Heizen und Lüften infolge nicht oder nur unzureichend vernetzter Komponenten in vielen Objekten mehr Zufall als Planung ist. Ganz zu schweigen von einer exakten Verbrauchsmessung. Ein Zähler pro Einheit reicht doch, um die jährlichen Betriebskosten zu ermitteln. Datenerhebung in Echtzeit? Das klappt doch nie!

Die Crux ist, dass Gebäudetechnik von der Immobilienwirtschaft bisher mehr als ein kostspieliges Buch mit sieben Siegeln begriffen wird denn als nützliches Instrument für eine zeitgemäße Gebäudebewirtschaftung. Entsprechend stiefmütterlich wird sie in Planung, Ausführung und Betrieb behandelt. Hauptsache sie läuft, irgendwie. 

Integrale Planung ist die Ausnahme

Dieses Dilemma kennt Reinhard Heymann, Geschäftsführer der Hamburger Q-Data Service GmbH (kurz QDS), nur zu gut. Seit über 15 Jahren ist sein 1979 gegründetes IT-Unternehmen auch im Bereich moderner Elektrotechnik tätig. Die dafür zuständige mittlerweile 13 Mann stark Truppe besteht aus Informatikern, Elektrotechnikern und Systemintegratoren, die interdisziplinär Lösungen für den Einsatz intelligent vernetzter Gebäudesysteme in Wohngebäuden und Gewerbeobjekten planen.

In Norddeutschland ist die Firma ein gefragter Spezialist. Die Referenzen reichen von Prestigebauten in der HafenCity bis zu Seniorenwohnprojekten. Nicht selten muss die Crew aber auch Feuerwehr spielen, wenn ein Bau kurz vor der Abnahme steht und festgestellt wird, dass die Gebäudetechnik nicht so funktioniert wie sie eigentlich soll. Dann ist die Panik groß und die Nerven liegen blank. In wenigen Stunden sollen Heymanns Mitarbeiter dann das richten, was zuvor monatelang versäumt wurde: integral eine aufeinander abgestimmte Gebäudetechnik zu planen und deren gewerkeübergreifend Ausführung zu koordinieren. „So nicht mehr!“, beschloss Heymann entnervt 2017 und überlegte, wie er den am Bau Beteiligten die zugegebenermaßen komplexe Materie anschaulich vermitteln könnte.

Zusammenhänge transparent machen

Mit dem Umzug Mitte 2018 in die neuen Geschäftsräume in der City Süd, nur wenige Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, bot sich die Möglichkeit, einen Demonstrationsraum einzurichten, ausgestattet mit einer Vielzahl professioneller Gebäudetechnologien. Dort können Bauprofis auf 50 Quadratmetern erfahren, was eine zukunftsorientierte Gebäudetechnik ausmacht und relevante Unterschiede kennenlernen: Von Protokollsprachen (z. B. KNX, BACnet, Modbus, M-Bus) und Funkstandards (z. B. EnOcean, Z-Wave, ZigBee) über Anwendungen (z. B. Türkommunikation, Zutrittskontrolle, Energiemonitoring, alltagsunterstützende Assistenzsysteme) bis zu Szenarien, die mit dem Internet-der-Dinge (IoT) verbunden sind. Auch die Bewirtschaftung von Gebäuden mithilfe smarter Technologien wird thematisiert.

„Wir möchten die Funktionsweise von Gebäudetechnik im Kontext von Prozessen vermitteln und das sowohl für Bauherren, Architekten und Fachplanern als auch für Gewerke und Betreiber“, sagt Heymann. Denn nur allzu oft erlebt er, dass vor Baubeginn nicht klar definiert ist, was die Gebäudetechnik später konkret leisten soll. Würde mehr Augenmerk auf eine integrale Planung gelegt, ließen sich viel Ärger und Kosten vermeiden, ist er überzeugt. Eigentlich müsse es in Zukunft so etwas wie „technische Architekten“ geben, die gleichberechtigt mit den Baumeistern Gebäude planen, regt der Vernetzungsfachmann an. „Der eine kümmert sich um die Gestaltung, der andere um die vernetzte Gebäudetechik“.

Im SmartLAB wird Interoperabilität getestet

Um die Interoperabilität von geplanten Lösungen unter realen Bedingungen prüfen zu können, gibt es zudem ein SmartLAB, in dem getestet und getüftelt werden kann - und soll, wie Heymann betont. „Nichts ist schlimmer als im Bauprozess festzustellen, dass etwas nicht funktioniert.“ Aktuell ist ein projektbeteiligter Heizungsbauer zu Gast, der sichergehen möchte, dass die Komponente, die er zur Integration in eine bestehende Heizungsanlage, die wiederum Teil eines Gebäudesystems ist, auch tatsächlich kompatibel ist.

Bei einem anderen Projekt ging es vor wenigen Wochen darum, die Schnittstellenproblematik einiger AAL-Produkte im Vorfeld zu beheben. In einer Art virtuellen Maschine installiert das QDS-Team dann alle vorgesehenen Produkte inklusive der dazugehörigen Software, simuliert die Prozesse, die damit im Gebäude ablaufen sollen und testet so, ob sie fehlerfrei laufen und legt gegebenenfalls Hand an.

„Immer wieder stellen wir fest, dass es unabdingbar ist, vorab zu prüfen, ob das, was an Intelligenz in der Theorie geplant wurde, in der Realität auch wirklich schlau funktioniert.“ Denn Hersteller würden viel versprechen und Planer die tollsten Dinge ersinnen. „Uns nehme ich da nicht aus“, sagt er. Auch seine Mitarbeiter hätte die wildesten Ideen. Aber Bastellösungen hätten in Gebäuden nun mal nichts zu suchen. Bevor eine noch nicht bewährte vernetzte Lösung verbaut wird, führt QDS deshalb, wie es in der professionellen Softwareentwicklung üblich ist, Testings durch, um die Funktionalität und Konnektivität zu prüfen. Erst wenn beides sichergestellt ist, geht es mit der Lösung auf die Baustelle. 

Ohne Wissenstransfer keine Intelligenz

Ergänzend zum Demonstrationsraum und dem SmartLAB veranstaltet QDS seit Ende 2018 einmal pro Monat ein sogenanntes „SmartBreakfast“. Während eines 90-minütigen Frühstücks wird ein Sachverhalt aus der IT und/oder Gebäudetechnik für Interessierte aus dem Mittelstand und der Immobilien- und Bauwirtschaft in geselliger Atmosphäre behandelt, wobei die Grenzen fließen sind. Gerade das schätzen einige Immobilien-Projektentwickler und Bauträger, die mittlerweile zu den Stammgästen gehören.

„Alles konvergiert miteinander und ist derart komplex geworden, dass wir so, wie wir bisher geplant haben, nicht mehr zurecht kommen. Nicht zu vergessen die gestiegenen Nutzeransprüche, die vernetzte Funktionalität auch im Wohngebäudebereich erwarten“, schildert ein Besucher seine Motivation, sich eingehender mit Gebäudetechnik zu beschäftigen. Zukünftig ist geplant, dass PropTechs ihre Lösungen vorstellen. „Nur wenn wir permanent Wissenstransfer betreiben, wird sich der Stellenwert der Gebäudetechnik innerhalb des Planungsprozesses verändern. Sonst wird es nichts mit der Intelligenz“, schmunzelt Heymann.

Die Neugierde der Branche auf die „Smartphones in Beton“ ist ebenso groß wie die Skepsis.
„Nur wenn wir permanent Wissenstransfer betreiben, wird sich der Stellenwert der Gebäudetechnik innerhalb des Planungsprozesses verändern. Sonst wird es nichts mit der Intelligenz.“
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