Licht als Initialzündung zur Stadtentwicklung

Die städtebauliche Integration eines historischen Klosterbauhofs wurde zum Erfolgsmodell. Die zentrale Rolle spielt dabei das Licht.

2006 wurde im Zentrum der oberbayerischen Stadt Ebersberg der sanierte Innenhof des historischen Klosterbauhofs eingeweiht. Das Herzstück des Innenhofs: neu entwickelte, multifunktionale Lichtstelen. Innerhalb eines Jahres wurde ein innovatives Konzept umgesetzt, das aus einem ehemaligen Gutshof ein kulturelles Zentrum machte.

 

Vom Klosterbauhof zum Theaterhof


Ebersberg war viele Jahrhunderte lang ein wichtiger Wallfahrtsort. Kloster, Kirche und Herbergen bestimmten das öffentliche Leben. Um 1500 entstand in unmittelbarer Nähe ein landwirtschaftlicher Betrieb zur Versorgung der Ordensbrüder.

Der Klosterbauhof ist ein stattliches Gebäudeensemble mit ei­­nem Innenhof, den man durch einen spätgotischen Torbau betritt. Mit der Säkularisation wurden die Besitztümer des Klosters verkauft. Der Klos-terbauhof im Zentrum der Stadt kam in Privatbesitz und wurde weitere 200 Jahre lang landwirtschaftlich genutzt.

Zum Vierseithof gehörten eine Brennerei, Stallungen sowie das Verwaltergebäude. Im 2000 m2 großen Hofgelände lagerte noch der Misthaufen, als 1989 der Landkreis und die Stadt Ebersberg drei Teile der Gebäude kauften, ein vierter Teil blieb im Privatbesitz. Das Vieh wurde ausgelagert, der Misthaufen entfernt und der letzte Gutsverwalter machte das Licht aus. Danach wurde es für 15 Jahre dunkel im Klosterbauhof, der bis dahin lediglich durch eine Lampe über dem Eingang zum Verwaltergebäude und durch eine Leuchtstoffröhre an der Fassade der Brennerei be­­leuchtet wurde.↓

Brachland im Herzen der Stadt

Anfang der 1990er Jahre wurde das Münchner Architekturbüro Plankreis beauftragt, ein Konzept zur Nutzung des Verwaltergebäudes vorzulegen. 2000 wurde das Projekt erweitert. Der historische Klosterbauhof sollte städtebaulich integriert und der zentrale Innenhof als attraktive Freifläche gestaltet werden. Die Idee der Planer: Das höchst zentrale Quartier wird zur Verkehrs- und Erlebnisachse zwischen Marktplatz und Bahnhof und zum Zentrum des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das vierseitige, denkmalgeschützte Gebäudeensemble wurde nach und nach saniert. Gastronomie, die Musikschule und einige Geschäfte hatten bereits Einzug gehalten. Der zentrale Hof lag immer noch im Dunkeln, doch das Planungsteam, der Ge­­schäftsführer von Bergmeister Leuchten und die Verantwortlichen der Stadt hatten eine Idee: Der Innenhof sollte belebt und zusammen mit dem geplanten Stadtsaal zur Initialzündung für eine weitere innerstädtische Entwicklung werden. Das Thema Licht wurde Teil des Sanierungskonzepts und zum wichtigsten Faktor in der weiteren Aufwertung des Innenstadtbereichs.

 

Multifunktionale Lichtstelen


Die Frage nach Art und Form der Hofbeleuchtung wurde zu einer Herausforderung. Nostalgische Leuchten hätten zwar dem denkmalgeschützten Ensemble entsprochen, mit ihnen wäre man aber nicht in der Lage gewesen, den großen Hof angemessen auszuleuchten. Dorica Žagar, Mitinhaberin von Plankreis, und Hans Lohmair, Geschäftsführer der Leuchtenmanufaktur Bergmeister, entwickelten schließlich eine neue Idee. Es entstand die multifunktionale Leuchtstele, ein Leuchtmast, der verschiedene Funktionen vereint: Die Grundbeleuchtung der Gehwege, die indirekte Beleuchtung, die das historische Ensemble in ein weiches Licht taucht, die Veranstaltungsbeleuchtung für Konzerte und Theater und die batteriebetriebene Notbeleuchtung, die bei Stromausfall der Sicherung der Fluchtwege dient.


Jedes noch so kleine Detail wurde durchdacht. Am Fuß jeder Stele befindet sich ein Elektrant zur Entnahme von Strom. Die Lichtmasten wurden so konstruiert, dass weitere Beleuchtungskörper und Tonträger schnell montiert werden können. Außerdem eignen sich die Gerüste der Leuchtstelen als Trägersystem für Infotafeln, Kinoleinwände und als Bühnenportale. Der Durchmesser der Gerüstrohre von 1/4 Zoll entspricht dem Standard der Veranstaltungstechnik. Durch die Anordnung der Stelen ist an jedem Ort des Innenhofes eine Bühne oder ein Auditorium denkbar. Die Lichtmasten sind durch einen unterirdischen Kabelkanal miteinander verbunden, bei Veranstaltungen verschwinden die Kabelstränge also von der Oberfläche. 

 

Moderne Leuchtstelen vor historischen Fassaden


Es wurden mit einem Holzmodell vor Ort verschiedene Varianten getestet: Wie kann man die optimale Ausleuchtung erreichen, ohne Passanten zu blenden? Kann man auf dem Ti-cket auch bei Dunkelheit noch die Platznummer erkennen? Welches Licht schmeichelt den Fassaden? Was fügt sich bei Tag harmonisch in das Gesamtbild ein? Das Design und die Gestaltung der Leuchten hatte sich drei Zielen unterzuordnen: der optimalen Beleuchtung des Platzes, der Multifunktionalität der Stelen und dem Erhalt des Denkmals. So entstand durch die Reduzierung der Konstruktion auf das kleinstmögliche statische Maß ein filigraner Aufbau aus Bronze-Hohlrohren. Die Aufhängungen des Gerüsts wurden nicht ge­­schweißt, sondern angeschellt, damit wollte man die feine Gliederung der Masten zusätzlich unterstreichen. Dem Betrachter zeigen sich die feinen Spuren der Handarbeit.


Die Höhe der Stelen orientiert sich mit der maximalen Höhe von 7 m an der Traufe der Gebäude. Der Abstand zwischen den einzelnen Stelen beträgt 10 m, zwischen Stele und umlaufender Gebäudefront ist eine Wegzone von ca. 6 m Breite.


Facettenreiches Licht


Lampen werfen das Licht in Spiegelflächen, von wo aus es auf Wege- und Hofflächen reflektiert wird. Zwischen den beiden Spiegelwerfern sitzen die Notlampen. An der Spitze der Stele sind zwei Strahler montiert, einer davon ist der Häuserfront zugewandt, er wirft sein Licht auf die Traufen und zeichnet die Kontras-te der Schleppgauben an den Dachflächen. Seine Aufgabe ist, im Innenhof eine gemütliche und beruhigende Atmosphäre zu erzeugen. Der zweite Strahler ist auf die Hofmitte ausgerichtet. Die Schaltzentrale der Licht- und Veranstaltungstechnik ist in einem kleinen Raum im Torbau untergebracht.


Leuchten aus Bronze

Industriell gefertigte Leuchten hätten die besonderen Herausforderungen des Klosterbauhofs nicht erfüllt. Es war für die Stadt klar, dass die Stelen individuell hergestellt werden mussten. Diese Aufgabe übernahm die Leuchtenmanufaktur Bergmeister, ein oberbayerischer Handwerksbetrieb. Der Schwerpunkt der Manufaktur: Die Verarbeitung von Baubronze zu historischen und modernen Leuchtstelen. Die Oberfläche der Bronze bleibt ohne Farbbeschichtung, so kann sich der matte Charakter des Materials entfalten. Die spezielle Legierung sorgt für eine vorgezogene Patina mit einem milden, warmen Braunton.



Lichttechnik

Für die technische Umsetzung war die Traunreuter Firma Siteco Beleuchtungstechnik GmbH verantwortlich. Bei der geometrischen Vorraussetzungen des Klosterbauhofs wäre eine großflächige Ausleuchtung mit einer konventionellen Technik nicht möglich gewesen. Das Unternehmen löste die spezielle Anforderung mit einer Spiegelwerfertechnik. In Werfern entsteht ein Lichtpunkt, der in die Spiegel strahlt. Dort sind kleine, mechanisch geformte Facettenspiegel angeordnet. Der relativ starke Lichtpunkt wird in viele kleine Lichtpunkte zerlegt. Durch die Umlenkung verringert sich zwar der Wirkungsgrad des Lichtes. Dafür erreicht man aber ein blendungsfreies Licht, das weit in die Tiefe des Raums strahlt.↓


Städtebauförderung

Ohne Mittel aus der Städtebauförderung hätte das Projekt Klosterbauhof nicht verwirklicht werden können, auch wenn die Stadt durch ihre Bemühungen eine effektive und großzügige Zusammenarbeit aller beteiligten Eigentümer erwirken konnte. Die komplizierte Rechtslage um die Eigentumsverhältnisse im Innenhof hinderten die Verantwortlichen nicht daran, das Konzept zum Erfolg zu führen. Schließlich erhoffte man sich durch die Investition einen hohen wirtschaftlichen Effekt. Jeder € der Städtebauförderung, so die Berechnung des Planungsbüros, würde 5,25 € Gesamtinvestition anstoßen.

Das Ziel, das Innenstadtquartier durch die Beleuchtung des Klosterbauhofs zusätz­­lich zu beleben, wurde erreicht. Bereits nach fünf Jahren haben sich wiederkehrende Veranstaltungen etabliert: Kleinkunst, Theater, Konzerte und Flohmärkte. Das Brachland rund um den Klosterbauhof hat Geschäfte angelockt, die heutzutage andernorts ihre Chancen nur noch außerhalb der Stadt sehen. Demnächst wird in einem Teil der Gebäude der Stadtsaal ausgebaut. Der kurze Weg vom Innenhof zum Saal macht es dann möglich, unabhängig vom Wetter Veranstaltungen zu planen. Im Notfall kann das Equipment der Veranstalter von den Lichtstelen schnell abmontiert und in den Stadtsaal verlegt werden.

Die Idee der Planer: Das höchst zentrale Quartier wird zur Verkehrs- und Erlebnisachse zwischen Marktplatz und Bahnhof und zum Zentrum des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Das Thema Licht wurde Teil des Sanierungskonzepts und zum wichtigsten Faktor in der weiteren Aufwertung des Innenstadtbereichs.

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