Gemeinsam statt einsam

Durch Umbau und Modernisierung zweier, leer stehender Wohnblöcke aus den 1960er-Jahren entstanden in Arnstadt, der ältesten Stadt Thüringens, barrierefreie und  behindertengerechte Wohnungen mit Balkon oder Terrasse. Jung und Alt, Singles und Familien wohnen hier selbstbestimmt in guter Nachbarschaft.

Arnstadt (rund 24.000 Einwohner) hat, wie zahlreiche Städte und Gemeinden in der ehemaligen DDR, den demographischen Wandel zu verkraften. Auch bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft war bzw. ist Leerstand zu beklagen. In dieser Situation traten 2005 einige ältere Bewohnerinnen Arnstadts an die WBG heran mit dem Wunsch nach einem Wohnobjekt, in dem sie eigenständig und gleichberechtigt unter einem Dach leben wollten.

„Wer, wenn nicht ein kommunales Unternehmen sollte sich dieser Frage denn stellen?“, erinnerte sich der damalige WBG-Geschäftsführer Andreas Adolf bei einem Gespräch 2014. „Wir haben uns also zusammengesetzt und unser Portfolio betrachtet.“ Dabei kam die Sprache auf die damals leer stehenden zwei Gebäude aus den 1960er Jahren in Arnstadt-Ost. Sie waren unsaniert, denn sie fanden u.a. wegen ihrer Einzelofenfeuerung keinen Zuspruch mehr.

Im Stadtentwicklungskonzept von 2007 seien diese Objekte als Abriss oder zur Umnutzung gekennzeichnet gewesen. Diese Objekte hätten damals 72 Wohnungen aufgewiesen und man habe gemeinsam festgestellt, dass zum Gelingen des Projektes eine größere Gruppe von Interessenten dahinter stehen müsste. „Wir haben dann frühzeitig erkannt, dass dieser Prozess, an dem mehrere Parteien beteiligt sind, von einem außenstehenden Dritten mit Sozialkompetenz begleitet werden muss“, ergänzte Adolf. Dafür habe man das Büro der Stadtstrategen aus Weimar gewinnen können.

Vier Jahre begleiteten die Wohnstrategen das Projekt von Wohngruppe und Wohnungsbaugesellschaft, bis Anfang 2009 die Sanierung der zwei Wohnblöcke begann, die zum Jahresende fertig gestellt wurde. Dabei ging es nicht nur um den Umbau der Gebäude, es ging vor allem darum, die Vorstellungen der zukünftigen Mietergemeinschaft innerhalb der Gruppe zu konkretisieren und durch Wohnprojekt-Stammtische und Arbeitsgruppen ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

Diese Mietergemeinschaft gab sich 2008 den Namen „Gemeinsam statt einsam. Generationswohnen in Arnstadt-Ost“ und  fixierte ihre Ziele des gemeinsamen Wohnens in einem Statement, aus dem sich 2011 der Verein gleichen Namens gründete. Bis heute wird der Gedanke der Mietergemeinschaft weiter gepflegt und strahlt mit Aktionen in das Wohngebiet aus. Der gemeinnützige Verein bewirtschaftet die Gemeinschaftsräume und verwaltet die Mittel der Mietergemeinschaft.

Die bautechnische Sanierung

Bei der Sanierung wurden die Ansprüche an das Wohnen im Alter berücksichtigt: es ging dabei um Barrierefreiheit und um Lebensräume für Ältere und Alleinstehende, die deren bisherige Wohngewohnheiten (und den begrenzten Etat der Pensionäre) zu berücksichtigen hatten. Saniert wurde auf Niveau der aktuellen ENEV, der Barrierefreiheit wurde durch die Erschließung über jeweils einen Aufzug pro Gebäude und über Laubengänge, über die man die Wohnungen erreicht, Rechnung getragen. Die automatischen Haus- ebenso wie die Wohnungs-Eingangstüren sowie Balkon-Zugänge und die Zugänge zur Gemeinschaftsterrasse sind schwellenlos ausgeführt und die Bäder weisen teilweise bodengleiche Duschen auf.

Farbgestaltungen erleichtern die Orientierung innerhalb der Gebäude

Aus den ehemals 2x 36 Wohnungen entstanden 48 barrierefreie und 3 behindertengerechte Wohnungen mit Balkon oder Terrasse, mit  2 bzw. 3 Räumen und Flächen von 40 bis 75 Quadratmetern. Je eine 4- und 5- Raum-Wohnung berücksichtigen die Ansprüche der beiden jüngeren Mietparteien mit Kindern - die von der Mietergemeinschaft anfänglich gewünschte Durchmischung fand also nur in kleinerem Rahmen statt.

Die 115 m² Gemeinschaftsflächen umfassen einen Gemeinschaftsraum mit kompletter Küche, Büro, WC und Terrasse. Sie werden durch den Bewohner e.V. in Eigenregie betreut und verwaltet und durch einen Betrag, der der Miete aufgeschlagen wird, finanziert. Zwischen den Gebäuden steht ein Gartenhof mit Spielplatz für die Bewohner zur Verfügung, der auch öfters für gemeinsame Aktionen mit den Nachbarn des Quartiers genutzt wird: Stadtteil- und Kinderfeste sowie Tage der Begegnung haben sich inzwischen hier etabliert.

Eine integrierte Gewerbeeinheit ist an einen Pflegedienst vermietet, was den Bewohnern wie auch der Umgebung und damit dem Zusammenleben entgegen kommt. Gesicherte PKW-Stellplätze ergänzen das erfolgreiche Objekt, bei dem auch aktuell alle Wohnungen vermietet sind. Heute leben 84 Menschen in den Gebäuden.

Bis heute wird der Gedanke der Mietergemeinschaft weiter gepflegt und strahlt mit Aktionen in das Wohngebiet aus.

x

Thematisch passende Artikel:

Tür auf und durchatmen: Münchner wollen Eigentumswohnungen mit Balkonen

Wie eine aktuelle Analyse des Münchner Immobilienunternehmens eigenwert (www.eigenwert.de) von mehr als 3.000 Wohnungsinseraten ergeben hat, verfügen mittlerweile mehr als 80 % der zum Kauf...

mehr
Ausgabe 2014-03 Holz auf Terrasse und Balkon

Die Natur unter den Füßen

Wie gelingt es, den Balkon oder die Terrasse so zu gestalten, dass echte Wohnqualität entsteht? Und was ist bei der Planung zu beachten? Eine wichtige Rolle spielt – wie im Innenbereich – der...

mehr
Ausgabe 2016-04

Vorbild für zukünftiges Zusammenleben

Frau Prof. Dr. Everding, Sie beschäftigen sich (nicht nur an der Hochschule Nordhausen) mit nachhaltiger Entwicklung. Was ist an dem Projekt in Arnstadt nachhaltig? Everding: Dieses Projekt ist für...

mehr

Geräumig, energieeffizient, mit Balkon: die Traumwohnung der Deutschen im Mietpreis-Check

Die Deutschen haben eine klare Vorstellung davon, wie ihre Traumwohnung aussehen soll: 3 bis 4 Zimmer und 81 bis 105 m² sollte sie schon haben. Das zeigt die repräsentative Studie Wohnen und Leben...

mehr

Servicemonitor Wohnen 2016: Nur jeder Fünfte empfindet seine Miete als zu hoch

Die Mehrheit der deutschen Mieter hat nicht das Gefühl, zu viel Miete zu zahlen. 56 % von ihnen bezeichnen die Miethöhe als angemessen, 5 % sogar als gering. Nur 18 % der Mieter empfinden ihre...

mehr