Ende der Edelstahlödnis

Edelstahl in Aufzügen ist Standard. Doch wird dieses immer gleiche Design nicht auch schnell langweilig? Stefan Janßen vom Hersteller Schindler weist im Interview auf Alternativen hin, die nicht nur gestalterisch einige Vorteile mit sich bringen.

Ob Parkhaus, Wohnblock oder Einkaufszentrum: Edelstahl lässt sich in den meisten Aufzugskabinen vorfinden. Allerdings setzt das robuste Material – auch durch seine inzwischen häufige Verwendung – gestalterisch wenig Reize, wirkt schnell eintönig und steril. Dabei gibt es Alternativen, die zu einer hochwertigen Optik beitragen und gleichzeitig wirtschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigen. Im Interview gibt Stefan Janßen, Vertriebsleiter für Neuanlagen und Modernisierung beim Aufzugshersteller Schindler, Auskunft über moderne Lösungen.

Herr Janßen, wie wichtig ist das Aussehen eines Aufzugs?

Janßen: Optische Kriterien werden für Kunden immer wichtiger. So kann er seine Anlagen an das Gebäudedesign anpassen. Ge­­pflegte, schöne Aufzüge tragen darüber hinaus entscheidend zum Wohlbefinden der Bewohner bei und erhöhen sogar nachweislich die Hemmschwelle für Vandalismus.

Wenn Design so wichtig ist, warum sind dann viele Aufzugsanlagen so zurückhaltend gestaltet?

Janßen: Die Gestaltung hat sicher nicht die oberste Priorität. Die Aufzüge sind für Betreiber und Investoren zunächst ein Mittel, um dem demografischen Wandel zu begegnen und den Wohnkomfort zu erhöhen. Bei der Vermarktung geht es mehr um die Frage: Hat das Gebäude überhaupt einen Aufzug?

Es scheint so, als wären alle Aufzugskabinen in Deutschland gleich gestaltet: robust und langweilig. Warum ist das so?

Janßen: Ich kann diesen Eindruck durchaus nachvollziehen. Denn nicht nur in Einkaufszentren wird hauptsächlich Edelstahl verwendet – auch im Wohnungsbau ist es das vorherrschende Material, um Kabinenwände zu bekleiden. Dabei haben Architekten und Investoren schon genaue Vorstellungen vom gewünschten Kabinendesign. Sie setzen verständlicherweise auf Bewährtes und einen breiten Massengeschmack. Die Vorliebe für Edelstahl führt dann zu einer gewissen Eintönigkeit. Ich würde mir mehr Mut bei der Gestaltung wünschen.

Warum ist Edelstahl überhaupt so beliebt?

Janßen: Edelstahl ist ohne Frage ein sehr hochwertiges Material. Die mehrheitliche Kundenmeinung ist daher, dass es langlebig ist und einen guten Schutz vor Vandalismus bietet. Jedoch ist das Metall mit der häufig verwendeten gebürsteten Oberfläche auch leicht anfällig für Fettflecken und Kratzer. Mit einem Schlüssel oder Schraubenzieher kann ich es also ohne Weiteres beschädigen. Die Kosten für die Beseitigung sind meist sehr hoch. Zwar bietet mustergewalztes Edelstahl eine Alternative, da es viel unempfindlicher gegen solche Macken ist – durch seine „Parkhausoptik“ lädt es aber förmlich zu zerstörerischen Handlungsversuchen ein.

Welches Material können Sie anstelle von Edelstahl empfehlen?

Janßen: Eine oft unterschätzte Alternative ist Glas. Es ist ebenfalls robust und gegen Vandalismus-Attacken wie Schlüsselkratzer ähnlich resistent. In der Anschaffung ist Glas nur minimal teurer als Edelstahl. Außerdem lässt es sich leichter reinigen, was im Hinblick auf die laufenden Kosten einer Anlage interessant ist. Besonders in sozial schwachen Bereichen haben wir damit schon sehr gute Erfahrungen gemacht. Was die Gestaltung angeht, ist beispielsweise farbig hinterlegtes Glas für geschlossene Kabinen vielseitig einsetzbar. Spiegel oder eine verglaste Rückwand tragen zusätzlich zu einem ab­­­wechs­­lungs­reichen Erscheinungsbild bei.

Welche Gestaltungstrends lassen sich erkennen?

Janßen: Die optische Abstimmung von Ka­­binenwand, -Decke und Beleuchtung steht inzwischen im Vordergrund. Farbige Glaselemente in Kombination mit LED-Flächenleuchten geben beispielsweise ein tolles Bild ab. Nebenbei bemerkt lässt sich dadurch auch der Diebstahl von Leuchtmitteln wie LED-Spots verhindern. Es ist aber noch mehr möglich: Auf Kundenwunsch können wir Monitore in den Wänden installieren, die Informationen für Bewohner bereithalten. Mittlerweile sind sogar intelligente Lösungen wie eine sich wandelnde Beleuchtung in den unterschiedlichen Etagen realisierbar. Andere Komponenten wie die Bedientableaus können ebenfalls individuell angepasst werden. Bei der Planung eines eigenen Aufzugsdesigns stehen die Hersteller in der Regel mit Rat und Tat zur Seite.

Sind solche Sonderanfertigungen nicht auch entsprechend teuer?

Janßen: Derzeit lassen sich zwei Tendenzen beobachten: Entweder der Kun­­de wünscht sich günstige Standardmodelle oder High-End Sonderanfertigungen. Sogar hochklassige Ausführungen mit Lederverkleidung oder Swarovski-Kristallen wurden schon nachgefragt. Das hat dann natürlich seinen Preis.

Für das Standardmodell bleibt also doch nur die Edelstahlkabine?

Janßen: Auch in diesem Bereich ist mittlerweile einiges möglich. Mit der Einführung des „Liberta“-Konzeptes haben wir auch im Standardbereich eine noch nie dagewesene Gestaltungsvielfalt eröffnet. Mit mehreren Designlinien lassen sich so beispielsweise beim Schindler 5500 erstmals auch hinterlegte Glasflächen in verschiedenen Farbverläufen und Motiven als Standardoption umsetzen. Ebenso ist auch eine ganz individuelle Ausführung möglich. Nicht zuletzt steht das gesamte Spektrum aller bekannten Gestaltungsmöglichkeiten von klassisch gebürstetem Edelstahl bis hin zu dekorativem Laminat zur Verfügung. Auf diese Weise wird aus jedem Aufzug ein Designobjekt und Blickfang des Gebäudes.

Gepflegte, schöne Aufzüge tragen entscheidend zum Wohlbefinden der Bewohner bei und erhöhen die Hemmschwelle für Vandalismus.

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