Bauen auf Teufel komm raus

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

machen wir uns nichts vor. In Deutschland fehlen mittlerweile hunderttausende, vor allem bezahlbare Wohnungen. Das liegt nicht nur an den Flüchtlingen, sondern auch an den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Das Pestel Institut in Hannover stellte kürzlich in einer Studie, die vom Verbändebündnis Sozialer Wohnungsbau in Auftrag gegeben wurde, eine eklatante Versorgungslücke fest. Danach sind seit 2009 rund 770.000 Wohnungen zu wenig gebaut worden. Das rächt sich nun.

Entsprechend groß sind die Erwartungen an das prestigereiche „Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“, das von Ministerin Barbara Hendricks (SPD) im Juli 2014 ins Leben gerufen wurde und von 17 Verbänden und Organisationen getragen wird, die alle mit Wohnen und Bauen zu tun haben.

Doch nach anfänglicher Euphorie war es um die Initiative ruhiger geworden. Dass es sich dennoch nicht um einen „riesigen Kaffeeklatsch der Wohnungs- und der Bauwirtschaft“ handelt, wie der Grünen-Bauexperte Chris Kühn einmal in einem Zeitungsbericht spottete, machte Baustaatssekretär Gunther Adler kürzlich auf der Expo Real in München deutlich.

Bei der Standeröffnung der BID Bundes­arbeitsgemeinschaft Immobilienwirtschaft Deutschland sagte er, „dass die Arbeitsgruppen des Bündnisses in den letzten Monaten intensiv an Lösungen für einen zukunftsfähigen deutschen Wohnungsmarkt gearbeitet haben“. Mit demselben Engagement müssten diese Lösungen jetzt zügig gemeinsam zur konkreten Umsetzung gebracht werden, „damit insbesondere Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen bezahlbaren Wohnraum finden“.

Angesichts der enormen Zahl der nach Deutschland kommenden Flüchtlinge und Zuwanderer hat die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum für den BID-Vorsitzenden und GdW-Präsidenten Axel Gedaschko eine neue Dimension erreicht. „Wir müssen nun gemeinsam mit der Politik eine Investitionsoffensive starten.“ (Seite 4)

BFW-Präsident Andreas Ibel machte deutlich, dass es beim Neubau insbesondere in puncto Baulandbereitstellung, im Normungswesen und bei Genehmigungsverfahren hakt: „Der Bedarf an bezahlbarem Wohn­­raum ist riesig, doch die Hemmnisse für den Wohnungsneubau sind noch größer.“ Um Wohnungen dort zu schaffen, wo sie am drin­­gendsten benötigt werden – in den In­­­nen­­städten sowie den innenstadtnahen Quar­­tieren – müssten die Kommunen zügig Bauland bereitstellen.

Was gegen die kontinuierlich zunehmenden Herstellungskosten zu tun ist, verdeutlichte ZIA-Präsident Dr. Andreas Mattner: „Wir haben es mittlerweile mit ausufernden energetischen Standards zu tun, die das Bauen enorm verteuern und für die Mieter lange nicht die gewünschten Einspareffekte bringen.“ Ein weiterer großer Kostenfaktor seien die ständig steigenden Grunderwerbsteuern. Die Länder müssen hier das Wettrennen um die höchsten Steuersätze unbedingt beenden.

Jürgen Michael Schick, Präsident des IVD, forderte zudem ein Moratorium für geplante Verschärfungen von Bauvorschriften: „In der jetzigen angespannten Situation auf vielen Wohnungsmärkten muss insbesondere der zweite Teil der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2016 vorübergehend ausgesetzt werden.“ Die aktuell nach EnEV 2009 gebauten Wohnungen seien auf einem energetisch sehr hohen Niveau, jede weitere Stufe verteuere den Neubau unnötig.

Auch wenn die Bündnis-Teilnehmer ihre Interessen nach wie vor geschickt vertreten, herrscht doch in einem Punkt Einigkeit: Deutschland muss jetzt bauen, bauen, bauen.

Ihr


Chefredakteur BundesBauBlatt

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