Kalksandsteinindustrie sieht wirtschaftliche Situation mit großer Sorge

Vorstandsvorsitzender Jan Dietrich Radmacher bezeichnete die Situation in der Baustoffindustrie als „aktuell durchaus dramatisch“.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.

Vorstandsvorsitzender Jan Dietrich Radmacher bezeichnete die Situation in der Baustoffindustrie als „aktuell durchaus dramatisch“.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.
Jan Dietrich Radmacher, Geschäftsführer der Kalksandsteinwerk Wendeburg Radmacher, ist von der Mitgliederversammlung erneut einstimmig zum Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Kalksandsteinindustrie (BV KSI, www.kalksandstein.de) gewählt worden. Stellvertretender Vorsitzender ist wie bisher Frederic A. Dörlitz, Geschäftsführer der Nord-KS und HANSA Baustoffwerke Parchim. Neu in den Vorstand gewählt wurde Daniel Marczinkowsky, CEO des Baustoffherstellers Xella.

„Ich hoffe, dass es uns auch in den nächsten Jahren im Team gelingen wird, unsere erfolgreiche Arbeit fortzusetzen und danke unseren Mitgliedern für das entgegengebrachte Vertrauen“, so Jan Dietrich Radmacher im Anschluss an seine Wahl. „Nur gemeinsam mit unserem Verband kann die Kalksandsteinindustrie die nächsten Schritte in Richtung Zukunft gehen. Das zeigen sowohl das durchaus zufriedenstellende Absatzjahr 2022, aber auch die teils dramatischen, aktuellen Entwicklungen in der Baustoffindustrie“, so Radmacher weiter.

Wichtiges Thema: Die großen wirtschaftlichen und klimapolitischen Herausforderungen.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.

Wichtiges Thema: Die großen wirtschaftlichen und klimapolitischen Herausforderungen.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.
Die deutsche Kalksandsteinindustrie hat das Jahr 2022 mit einem leicht rückläufigen Ergebnis abgeschlossen. Auch wenn der Steinabsatz von 2,2 Mrd. Vol.-NF im Jahr 2021 auf rund 2,1 Mrd. Vol.-NF oder 4,2 Mio. m³ sank, war Kalksandstein im Jahr 2022 jedoch weiterhin der am häufigsten eingesetzte Baustoff im mehrgeschossigen Wohnungsbau. „Kalksandstein bleibt das zehnte Jahr in Folge der favorisierte Baustoff. Betrachten wir unsere Wachstumsraten der letzten sechs Jahre insgesamt, hatten wir durchaus ein ordentliches Jahr“, so Roland Meißner, Geschäftsführer beim BV KSI.

„Auch wenn wir uns mehr erhofft hatten, zeigen uns die Fertigstellungszahlen von 2022, dass für unsere Industrie nicht mehr Absatz möglich gewesen wäre. Die Anzahl der fertiggestellten Neubauwohnungen ist zwar im Jahr 2022 um 0,6 Prozent auf rund 295.300 gestiegen. Das war aber erneut viel zu wenig, um den nach wie vor hohen Bedarf von dringend benötigtem Wohnraum zu decken“, so Meißner.

Dass die Wachstumsziele für das Jahr 2022 nicht erreicht wurden, verwundert angesichts der dramatischen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen nicht. Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, Rohstoffknappheit sowie explodierende Energiepreise wirkten sich negativ auf die deutsche Wirtschaft aus und machen die Produktion von Baustoffen deutlich teurer.

„Gemeinsam stärker“: Die Kalksandstein- und Porenbetonindustrie beschloss den Ausbau der Aktivitäten.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.

„Gemeinsam stärker“: Die Kalksandstein- und Porenbetonindustrie beschloss den Ausbau der Aktivitäten.
Foto: Henning Stauch I Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.
Die aktuelle Baukrise hat die gesamte Wertschöpfungskette fest im Griff. Auch dies war ein zentrales Thema auf der Mitgliederversammlung des BV KSI. Trotz der aktuell dramatischen Situation betonte die Branche, an der Einhaltung der Transformationspfade festzuhalten und den Klimaschutz weiter voranzubringen. „Angefangen von der Rohstoffsicherung über die Produktion bis zur Verarbeitung zieht sich die Krise heute über die gesamte Wertschöpfungskette Bau hinweg“, erläutert Radmacher. „Deutliche Produktionsrückgänge im mittleren zweistelligen Bereich, Kurzarbeit und erste Werksschließungen sind in unserer Industrie angekommen. Die Zahlen sind eindeutig: Auf absehbare Zeit werden wir nur auf Sicht fahren können.“

Das Statistische Bundesamt meldete für das erste Quartal 2023 gegenüber dem Vorjahreszeitraum Produktionsrückgänge in der Baustoff-Steine-Erden-Industrie von -11,4 %. Die für April veröffentlichten Zahlen haben sich mit einem Rückgang von -15,1 % gegenüber dem Vorjahr sogar nochmals verschlechtert. Die Kalksandsteinindustrie verzeichnet, bei teils erheblichen regionalen Unterschieden, sogar Rückgänge von über 30 %.

„Kalksandstein trägt mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent vor Stahlbeton und Ziegel ganz wesentlich zur Schaffung von dringend benötigtem und bezahlbarem Wohnraum bei Wohngebäuden mit mehr als drei Wohneinheiten bei. Ohne unseren Baustoff wird der Bauüberhang von genehmigten, aber bisher nicht realisierten Objekten von aktuell rund 880.000 Wohneinheiten noch viel höher steigen und das nach wie vor erklärte Ziel der Bundesregierung von 400.000 Neubauwohnungen pro Jahr in unerreichbare Ferne rücken. Die Politik muss dringend handeln und Mechanismen entwickeln, die den Wirtschafts- und Industriestandort Deutschland stützen und die Bauwirtschaft vor einem Kollaps bewahren“, so Roland Meißner.

Nicht zuletzt durch die erhebliche Zuwanderung aus der Ukraine und anderen Krisenregionen dieser Welt nach Deutschland (2022: Nettozuzug + 1,5 Mio. Menschen) steigt die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum noch schneller als je zuvor. Gleichzeitig sorgen ersatzlos gestrichene Förderprogramme von Bund und Land, höhere Zinsen, eine hohe Inflation und damit gestiegene Grundstücks- und Baupreise für einen erheblichen Rückgang der Bauaktivitäten. Das deklarierte Neubauziel entfernt sich damit immer weiter von der Realität. 

Insbesondere durch serielles und modulares Bauen kann der Wohnungsbau deutlich effizienter sein. Kalksandstein ist für diese Bauweise bestens geeignet. Besonders zeitsparende Mittel- und Großformate oder auch fertig zugeschnittene und vorkonfektionierte Wandbausätze aus Kalksandstein, die kostenschonende Standardisierung mit einem Höchstmaß an individueller Gestaltungsfreiheit kombinieren, sind die optimale Basis für vielfältige und modulare Projekte in Massivbauweise. Sie stehen für einen schnellen Baufortschritt und präzise Qualität.

Gleichzeitig sieht sich die Kalksandsteinindustrie mit der politischen Einflussnahme zur „Förderung des Bauens mit Holz“ konfrontiert.

„Bereits seit Jahren nehmen verschiedene Umweltministerien sowie die Bundesbauministerin öffentlich politische Pro-Holz-Positionen ein und sprechen von einem der nachhaltigsten Baustoffe. Das werden wir so nicht länger hinnehmen. Im engen Schulterschluss mit anderen Mauerwerksverbänden werden wir dieser Wettbewerbsverzerrung und einseitigen politischen Einflussnahme mit wissenschaftlich fundierten, ökologischen, wirtschaftlichen wie auch konstruktiven Daten und Fakten und mit Nachdruck entgegentreten. Wir werden belegen, dass Kalksandstein dem Baustoff Holz auch im Bereich der Nachhaltigkeit und Umweltschonung in nichts nachsteht“, betonte Radmacher und ergänzte: „Wir haben in den letzten Jahren viele Forschungsvorhaben durchgeführt, die sich der Umwelt- und Ressourcenschonung widmen. So wurden von unserer Industrie unterschiedlichste Recycling- und Weiter- bzw. Wiederverwertungspfade intensiv erforscht und wissenschaftlich bewiesen. Die jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungserbnisse zu der CO2-Speicherfähigkeit unserer Kalksandsteine war bahnbrechend. Trotzdem wird unsere Industrie von der Regierung bislang wenig beachtet. Das wollen wir ändern. Die Politik ist angehalten, den fairen Wettbewerb zu fördern. Keine Bauweise ist einer anderen vorzuziehen.“

Ein weiteres wichtiges Thema der Mitgliederversammlung war die Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Porenbetonindustrie e.V. Ab 2024 werden alle gemeinsamen Aktivitäten in eine gemeinsame Gesellschaft übertragen und die Themen der Zusammenarbeit weiter ausgebaut.

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