Elektromobilität

Intelligentes Aufladen: Strom zapfen in der Tiefgarage

„Wir haben uns letztendlich für die teuerste Lösung entschieden.“ Ein Satz, den viele im Bezug auf Ladeinfrastruktur-Projekte wohl als eher ungewöhnlich wahrnehmen dürften. Im Fall einer Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) in Riedberg im Norden von Frankfurt am Main hat diese Aussage aber einen konkreten Hintergrund.

„Wir ließen für eine optisch ansprechende Lösung in der Tiefgarage Stromschienen verlegen“, erläutert Thomas Lahl, Beirat der Liegenschaft. Das habe die Mehrkosten verursacht. „Wir wollten so wenig wie möglich in die Gebäudeinfrastruktur eingreifen, also zum Beispiel keine Brandschutzwände durchbohren, und die schlichte Optik erhalten, da es sich um eine eher hochwertige und neuere Immobilie handelt.“

Stromschienen sind im Vergleich zu klassischen Kabeln zwar deutlich teurer, um insgesamt 15.000 Euro, wie in diesem Fall. Dafür allerdings verkraftet eine Schiene allein bis zu 250 Ampere an Stromstärke. Das ist mehr als genug, damit nun die komplette Tiefgarage zukunftssicher für die Elektromobilität aufgestellt ist.

„Mit der Lösung haben wir jetzt die kommenden 50 Jahre Ruhe“, sagt Lahl. Jeder der 40 Stellplätze wurde in der Grundinstallation so weit vorgerüstet, dass jederzeit und mit wenig Aufwand eine Wallbox installiert werden kann bzw. konnte. Pro Stellplatz sind Grundkosten für die Installation in Höhe von 2.400 Euro entstanden, insgesamt gut 95.000 Euro. Hinzu kommen für die Eigentümer:innen noch die Kosten für die Wallbox, die je nach Modell unterschiedlich hoch von einem mittleren dreistelligen bis kleinen vierstelligen Betrag reichen.

Umsetzung dank intelligentem Lade- und Energiemanagement

Im Vorfeld hatte Lahl drei Elektrotechnik-Firmen angefragt und deren Angebote miteinander verglichen. „Unser Fokus lag auf Elektrikern aus der Region, weil uns wichtig war, einen Ansprechpartner für die kommenden Jahre in der Nähe zu haben, etwa für Instandsetzungen oder Erweiterungen.“ Die beiden anderen Mitbewerber hätten klassische Kabel verlegt, was von der Ästhetik her nicht so gut zur Immobilie gepasst hätte. Es war ja eine optisch eher zurückhaltende Lösung gefragt. Interessant aber ist: Zwei der drei angefragten Unternehmen – inklusive jenem, das den Zuschlag erhielt – arbeiten mit dem Experten für intelligente Ladelösungen, The Mobility House, zusammen. Und setzen beim Lade- und Energiemanagement auf das System ChargePilot.

Und ohne ein solches System zur Steuerung der Lasten geht es bei einem Projekt dieser Größe nicht. Schließlich umfasst es in der WEG mit 37 Wohneinheiten die Komplett-Elektrifizierung von zwei unmittelbar nebeneinander liegenden Tiefgaragen mit insgesamt 40 Stellplätzen. Wichtig war auch eine stetig ausbaufähige Infrastruktur zu installieren, die jederzeit mit steigenden Anforderungen und neuen Technologien mitwachsen kann. Auch das ist ein Grund, warum viele Elektriker auf die herstellerunabhängige und flexible Lösung von The Mobility House setzen.

24 der Stellplätze sind auf Wunsch der Eigentümer:innen bereits mit einer Wallbox ausgestattet. Acht hiervon leisten bis zu 22 kW, bei den restlichen 16 handelt es sich um bis zu 11 kW starke Ladepunkte. Diese Leistung reicht vollkommen aus, um Energie für die tägliche Strecke eines Durchschnittsfahrenden von gut 40 Kilometern in circa einer Stunde nachzuladen.

Aktuell erlaubt der Netzanschluss, dass gleichzeitig maximal 110 kW an alle Ladepunkte abgegeben werden können. Eine Erweiterung auf 135 kW wäre zwar noch möglich. „Dies dürfte allerdings dank der intelligenten Steuerung der Ladevorgänge gar nicht nötig sein, da ChargePilot die Ladevorgänge bei Bedarf in der Leistung anpasst und zeitlich versetzt,” erklärt Sven Neumann, Key Account Manager bei The Mobility House. Und er fügt hinzu: „Die Fahrzeuge sind in der Regel ohnehin über Nacht geparkt und für die Nutzer:innen spielt es keine Rolle, ob der Ladevorgang gleich am Nachmittag nach der Ankunft zu Hause oder erst um Mitternacht startet.“

Die Grundlast des Gebäudes beträgt nachts nur etwa 5 kW, tagsüber steigt sie auf im Schnitt 10 bis zu maximal 25 kW an – zum Laden der E-Autos steht also jederzeit ausreichend Energie zur Verfügung. Neben der intelligenten und dynamischen Steuerung der Ladevorgänge erfolgt auch die Freischaltung der Ladestationen per RFID-Karten über ChargePilot. Die Abrechnung des Ladestroms läuft ebenfalls über das Abrechnungsportal von The Mobility House.

An den noch nicht mit einer Wallbox bestückten Stellplätzen ist ein jeweils separater Stromabgang von der Schiene sowie das Datenkabel bereits verlegt. „Dort, wo später eine Lademöglichkeit ergänzt werden kann, hängt jetzt so ein kleiner grauer Kasten, in dem das Strom- und das Datenkabel enden.“ Lahl verweist auf die psychologische Wirkung, die so ein unscheinbares Bauteil haben kann: „Jeder, der noch kein E-Auto hat, parkt jetzt jeden Tag vor diesem kleinen grauen Kasten, der jederzeit durch eine Wallbox ersetzt werden kann.“ Er könne sich gut vorstellen, dass sich dies beim nächsten Autokauf auf die Entscheidung Verbrenner oder E-Auto mit auswirkt – zugunsten der nachhaltigeren Antriebsform.

Unkompliziert elektrifiziert

Wer sich nicht nur für ein E-Auto und für maximalen Ladekomfort, sondern auch für eine Wallbox am eigenen Stellplatz entscheidet, hat es denkbar einfach, wie Lahl erklärt: „Es reicht eine Mail oder ein Anruf, dann bekommt die interessierte Person eine Liste mit den verfügbaren Modellen. Sie sucht sich eine aus und sobald das Paket angekommen ist, wird die Lademöglichkeit installiert – und schon kann es losgehen.“ Die Hürden seien also sehr gering: „Man muss sich nirgends anmelden oder erst mit dem Energieversorger sprechen.“

Den Komfortgewinn haben die Mitglieder der WEG der guten Vorausplanung Lahls zu verdanken: „Wir haben das Projekt intensiv vorbereitet, alles hinterfragt und eine Präsentation erstellt, bevor wir es den Eigentümer:innen vorgestellt und transparent erklärt haben. So haben wir alle Parteien gut abholen können.“ Und Lahl hatte großen Erfolg damit, wie er sagt: „Er war niemand dabei, der da nicht mitmachen wollte.“ Schmunzelnd erzählt der Beirat von einer gut 70-jährigen Eigentümerin, die meinte, dass sie sich sicherlich kein Auto mehr anschaffen werde. Sie sei trotzdem sofort mit an Bord gewesen: „Ich sehe das als Investition in meine Immobilie, als Aufwertung“, zitiert der Beirat die Frau. Und die ist in der Tiefgarage in Riedberg nicht nur optisch gelungen.

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