Barrierefreies Wohnen

Wie sieht sinnvolle Umsetzung im Bauträgeralltag aus?

Barrierefreiheit im Neubau – ein Trendthema mit vielen Grautönen. Marcus Ziemer, Geschäftsführer der auf Wohnimmobilien spezialisierten W&W-Tochter Wüstenrot Haus- und Städtebau (WHS), erzählt, wie sein Unternehmen es angeht.

Seien wir ehrlich: Für Bauträger ist Barrierefreiheit kein einfaches Thema. Es steigert die Kosten im Neubau und es stellt Planer immer wieder vor Herausforderungen. Doch aus gutem Grund steigt seine Bedeutung seit einigen Jahren an: Deutschland altert und Deutschland wird immer älter. Der demografische Wandel erreicht langsam, aber sicher seinen Höhepunkt und bedroht nicht nur die Rentenkassen: 17,88 Mio. Deutsche waren in 2018 65 Jahre und älter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an: Ein 1980 geborener Mann wird im Durchschnitt 69,6 Jahre alt, eine Frau 76,3. Heute – nur 40 Jahre später ­– sind die Zahlen auf 79,1 sowie 84,1 Jahre gestiegen. Die Entwicklung setzt sich fort: Für Kinder, die 2060 geboren werden, prophezeien Forscher eine Lebenserwartung von 84,8 und 88,8 Jahren.

Diese Menschen brauchen im Alter geeigneten Wohnraum – und den gibt es bisher nicht in ausreichender Menge. Dabei ist Wohnraum für Senioren nicht per se eine Frage der Barrierefreiheit. Doch klar ist, dass sich die Ansprüche an die eigene Wohnung im Alter ändern, wenn das Gehen schwerfällt, die Augen schwächer werden und die Gelenke schmerzen. Wer einen Rollator oder eine Gehhilfe braucht, hat in vielen Bereichen ähnliche Anforderungen wie ein Rollstuhlfahrer.

Über die DIN hinaus

Die Anforderungen an barrierefreie Wohnungen sind in der DIN 18040-2 verankert. Diese in der Praxis umzusetzen, bietet immer wieder Herausforderungen: Was in der DIN 18040-2 steht, ist in manchen Situationen schwer mit anderen Baunormen vereinbar oder bewohnerfreundlich umzusetzen. Hier sind kreative Lösungen gefragt, zum Beispiel wenn DIN-konforme Abdichtungen im Bad ohne hilfreiche Schwellen realisiert werden oder ein schwellenloser Übergang von der Terrasse zur Wohnung so gebaut wird, dass dennoch kein Stauwasser oder Schnee eindringen kann.

Doch wie dem auch sei: Wir sehen es als unsere gesellschaftliche Pflicht, angemessen auf den demografischen Wandel zu reagieren. Für die WHS ist Bauen ohne Barrieren in den letzten Jahren deshalb zunehmend in den Fokus gerückt. Wir möchten bezahlbaren, hochwertigen Wohnraum für alle Ansprüche und alle Altersgruppen bauen. Unsere Wohnungen sollen von der Wiege bis ins hohe Alter ein Zuhause sein. Fest steht aber auch: Ein großer Teil der Deutschen wird auch im hohen Alter keine vollständig barrierefreie Wohnung benötigen. Daher setzen wir auf eine Mix-Strategie, die die Vorgaben der verschiedenen Landesbauordnungen miteinbezieht und teilweise auch darüber hinausgeht.

Intelligente Planung ist der Schlüssel

Unsere Philosophie: Im Neubau setzen wir auf barrierefreie öffentliche Bereiche von der Tiefgarage bis zur obersten Etage. Das ermöglicht uns zwei Dinge: Zum einen können wir die gemäß Landesbauordnung vorgeschriebene Anzahl barrierefreier Wohnungen flexibel im Gebäude verteilen – das erleichtert die Planung und fördert die Inklusion der Bewohner. Zum anderen schaffen wir so die Grundlage, alle Wohnungen weitgehend schwellenlos und damit für ganz unterschiedliche Ansprüche geeignet zu errichten. Stufenlose Übergänge, bodentiefe Duschen und komfortable Bewegungsflächen sind für uns selbstverständlich.

Das Schöne an der Sache: Dank präziser Planung schwinden die Mehrkosten. Die Studie „Barrierefreies Wohnen im Kostenvergleich“ der Terragon GmbH und des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) fand heraus, dass Barrierefreiheit im Neubau bei vorausschauender Konzeption nur rund ein Prozent der Gesamtbaukosten ausmacht. Analysiert wurden insgesamt 140 Kriterien für barrierefreies Bauen nach der DIN 18040-2. Bei 130 Kriterien zeigte sich, dass Barrierefreiheit nicht mit Mehrkosten verbunden ist, sondern allein mithilfe einer intelligenten Planung erreicht werden kann.

Die Herangehensweise der WHS lässt sich somit auf drei Elemente herunterbrechen:

1. Bereits bei der Bauplanung denken wir an die Barrierefreiheit und ermöglichen somit komfortables Wohnen in allen Lebenssituationen.

2. Wir beschäftigen uns intensiv mit den gesetzlichen Vorgaben an Barrierefreiheit, dokumentieren und reflektieren unsere Planung und versuchen, sie in Zukunft noch weiter zu optimieren.

3. Wir verdeutlichen die Relevanz des Themas und vorausschauender Vorgehensweise gegenüber all unseren Partnern wie Architekten, Planern und Generalunternehmern.

So schaffen wir es, unseren gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren und gleichzeitig Wohnraum für alle Ansprüche zu bauen.

„Unsere Wohnungen sollen von der Wiege bis ins hohe Alter ein Zuhause sein.“

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