Bauen im Bestand

Starker Auftritt

Beim Weltquartier in Hamburg sollten die hellhörigen Wohnungstrenndecken in den niedrigen Wohnräumen mit Trockenestrich-Systemen schallschutztechnisch ertüchtigt werden. Speziell für diesen Einsatz wurde ein Trockenestrich-Element entwickelt, der sich bauphysikalisch und verarbeitungstechnisch als sehr effizient erwies.

Mit der IBA hat sich im Süden von Hamburg vieles verändert. Das bezieht sich besonders auf das südliche Reihersteigviertel der Elbinsel Wilhelmsburg. Hier wohnen mehr als 1700 Bewohner aus über 30 Herkunftsländern, was dem Gebiet den Namen ‚Weltquartier’ einbrachte. Die klassische Hamburger Backsteinsiedlung mit ihren 740 Wohnungen wurde in den 1930er Jahren für die Arbeiter in den nahen Hafenbetrieben gebaut und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Mittlerweile jedoch erforderten der bauliche Zustand der Häuser, unzeitgemäße Grundrisse und mo­­derne energetische Anforderungen umfassende Modernisierungsmaßnahmen.

Erste Planungen dazu reichen zurück bis ins Jahr 2007: Aus Rücksicht auf die internationale Bewohnerschaft wurde eine multikulturelle Planungswerkstatt ins Leben gerufen, deren Ergebnisse als Vorgaben in einen städtebaulichen Architektenwettbewerb einflossen. Als Sieger gingen unter anderem die Lübecker Büros kfs Architekten (mit Sven Andresen und Urte Schlie Landschaftsarchitekten) hervor.

Im Rahmen der Modernisierung erhielten alle Häuser straßenseitig eine Fassadendämmung. Flachverblender sorgen dafür, dass der Eindruck der quartiersprägenden Ziegelfassaden erhalten bleibt. Eine neue Dachkonstruktion mit Dämmung, der Austausch sämtlicher Fenster und eine Kellerdeckendämmung runden die wärmedämmende Hülle ab. Zusammen mit der Energieversorgung aus Gas und Unterstützung durch die Ölmühle Hafen erreichen die sanierten Gebäude den Standard eines Energieeffizienzhaus 70. Gleichzeitig wird damit der CO2-Ausstoß auf Null und der Primärenergiebedarf von 300 auf 9 kWh/a gesenkt.

Im Inneren der Häuser wurden Grundrisse verändert und zusammengelegt um bedarfsgerechte Einheiten zu schaffen. Das Spektrum umfasst die 1½-Zimmerwohnungen mit 40 m² ebenso wie die 90 m² großen Vierzimmerwohnungen für Familien mit Kindern. Und das bei moderaten Mieten. Nach Angaben von Eigentümer Saga-GWG liegen die Kaltmieten nach der Modernisierung zwischen 5,60 € und 5,80 € (je nach Förderjahr) und wurden damit um rund 50 Cent/m² angehoben. Dem steht durch die energetische Modernisierung eine Senkung der Heizkostenanteile um durchschnittlich 40 Cent/m² entgegen.

Hellhörige Bodenkonstruktion

Neben veränderten und modernisierten Grundrissen sorgt vor allem die Trittschallverbesserung der Bestandsböden für einen erhöhten Wohnkomfort. Die Decken sind als sogenannte Pohlmanndecke (Stahlbetonrippendecken) mit ca. 7 cm Dicke hergestellt. Die Konstruktionen waren sehr hellhörig, Schallschutz durch Masse war praktisch nicht gegeben. Da auch die Statik teilweise nicht den Anforderungen entsprach, wurden Teile der Deckenkonstruktion mit Stahlträgern ertüchtigt.

Ein zusätzliches Problem neben der geringen Deckendicke war die niedrige Raumhöhe der alten Häuser. Erschwerend kam hinzu, dass die Planer Bodenunebenheiten zwischen 3 und 15 cm ausgleichen mussten. „Die Häuser sind flach gegründet“, erklärt Myriam Spicka, Architektin bei kfs- architekten, dazu, „ und haben sich im Laufe der Jahre sehr unterschiedlich gesetzt. Der Boden ist wie eine leichte Amplitude.“ Vor diesem Hintergrund galt es ein System zu finden, das so schlank im Aufbau ist, dass trotz des notwendigen Toleranzausgleichs die geforderte Deckenhöhe von 2,40 m nicht unterschritten wird und mit dem außerdem der geforderte Trittschallschutz eingehalten werden kann.

Um den geeigneten Bodenaufbau zu finden, wurden im Vorfeld mehrere Musterräume mit unterschiedlichen Trockenestrichsystemen ausgeführt. Die verschiedenen Bodenaufbauten wurden anschließend von einem externen Akustikbüro – Lärmkontor Hamburg – gemessen. Die Entscheidung fiel schließlich auf das speziell für den Einsatz im Weltquartier von Hersteller Fermacell neu entwickelte Trockenestrich-Element 2 E 35, das bei den Messungen deutlich besser als die geforderten Grenzwerte war.

Es besteht aus zwei werkseitig verklebten 12,5 mm dicken Gipsfaser-Platten, die auf der Rückseite mit 20 mm hochverdichteter Mineralwolle kaschiert sind. Das speziell zur Verbesserung des Trittschalls auf Massivdecken konzipierte Element bietet schon bei einer geringen Aufbauhöhe von 45 mm eine Trittschallverbesserung von 27 dB. In Verbindung mit ≥ 20 mm Fermacell Ausgleichsschüttung, wie im vorliegenden Fall eingebaut, konnte die Trittschallverbesserung sogar auf 31 dB ge­­­steigert werden.

Die guten Schalldämmwerte des Estrich-Elements werden durch eine extrem hohe Wirtschaftlichkeit ergänzt. Statt mehrerer verschiedener Einzelkomponenten, die in zwei Arbeitsgängen eingebracht werden, steht ein komplettes System in einem einzigen Element zur Verfügung. Auch die Si­­cherheit des Gesamtaufbaus gewinnt erheblich: Häufig auftretende Probleme bei einer direkten Begehung und damit die Zerstörung der Mineralwoll-Trittschalldämmplatte werden durch die Kaschierung praktisch ausgeschlossen. Insgesamt steht die einfache An­­wendung nicht nur für einen schnellen Baufortschritt und somit für niedrigere Verlegekosten, sondern auch für eine geringe Fehleranfälligkeit.

Zügige und wirtschaftliche Verarbeitung

Da die gängigen im Markt erhältlichen Nivelliermassen nur für kleinere Unebenheiten geeignet sind, entschieden die Planer bei der Modernisierung im Hamburger Weltquartier, die Unebenheiten in der alten Fußbodenkonstruktion mit Fermacell Ausgleichsschüttung zu egalisieren. Es handelt sich dabei um ein speziell getrocknetes, mi­­neralisches Porenbetongranulat, das durch sein moderates Gewicht (400kg/m²) besonders für die Altbaumodernisierung geeignet ist. Damit können Unebenheiten von bis zu 100 mm ausgeglichen werden.

Nachdem die Schüttung plan abgezogen worden war, wurden die Elemente direkt darauf verlegt. Die Verarbeitung erfolgte vom Raumende zur Tür hin schwimmend im schleppenden Verband. Ein besonderer Schutz für die Mineralwollkaschierung war dabei nicht erforderlich. Entsprechend konnten die Ar­­beiten im Vergleich zur Verlegung von Einzelkomponenten (Schüttung, ggf. Lastverteilungsplatten, Trittschalldämmplatten, Estrich-Elemente) wesentlich schneller und wirtschaftlicher abgewickelt werden.

Bei Räumen mit besonders großen Toleranzen kam die gebundene Schüttung von Fermacell zum Einsatz, die für Schütthöhen bis 2000 mm eingesetzt werden kann. Die Sie besteht aus recyceltem Polysterol in einer Korngröße von 2 bis 8 mm und einem zementären Bindemittel. Dabei sorgt der Schaumkunststoff neben guter Wärmedämmung für ein geringes Gewicht. Der Schnellzement bewirkt die gro­­ße Stabilität des Materials und eine schnelle Aushärtung. Im Rahmen des Abbindeprozesses entsteht eine hoch belastbare Fläche, die nach nur 6 Stunden begehbar ist und bereits nach 24 Stunden mit Ober­belägen aller Art belegt werden kann. Die Verarbeiter konnten anschließend das Trockenestrich-Element auf der gebundenen Schüttung genau so verlegen, wie bei der Aus­­gleichsschüttung.

Die fertiggestellten Trockenestrich-Flächen waren nach vollständigem Aushärten des Estrichklebers nach ca. 24. Stunden vollständig belastbar. Trocknungszeiten wie bei Nassestrichen mussten im Bauablauf nicht berücksichtigt werden. Die Flächen wurden ab­­schließend in den Wohnräumen mit Linoleum sowie in den Küchen und Bädern mit Fliesen belegt.

Fazit

Nach bestandsschonender Modernisierung, die sich an den Wünschen der Mieter orientierte, konnte der Wohnwert in den Gebäuden des Hamburger Weltquartiers deutlich verbessert werden. Dazu trug besonders auch ein speziell für den Einsatz in dem städtebaulichen Großprojekt entwickeltes Trockenestrich-Element bei, das für eine spürbare Trittschallverbesserung sorgte.

Die bestandsschonende Modernisierung orientierte sich an den Wünschen der Mieter.

Die sanierten Gebäude erreichen den Standard eines Energieeffizienzhaus 70.

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