Perspektiven für das Bauen im Wandel

Rückblick: Zahlreiche Interessierte nahmen digital an der dreitägigen Gesprächsreihe „STUDIO Bund“ teil

Im Rahmen der BAU ONLINE, die vom 13. bis 15. Januar 2021 erstmalig als digitales Format stattgefunden hat, wurde die Gesprächsreihe „STUDIO Bund“des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) als täglicher Livestream übertragen. 58 Vertreterinnen und Vertreter aus Bauwesen, Wissenschaft, Verwaltung und Politik stellten per Zuschaltung in 13 diskursiven Panels aktuelle Ergebnisse aus der Bauforschung und konkrete Praxisbeispiele vor. Unter dem Leitthema „Perspektiven für das Bauen im Wandel“ erörterten sie deren Relevanz für das Bauen und diskutierten im interaktiven Austausch mit dem Publikum mögliche Neuausrichtungen der Baubranche.

Als Auftakt der Gesprächsreihe wurde aus verschiedenen Perspektiven das Innovationspotenzial der digitalen Transformation diskutiert. Eine Anwendung aus der Forschung zu Sensorik, Robotik und KI im Bausektor zeigte Prof. Dr.-Ing. Sigrid Brell-Cokcan, Leiterin des Lehrstuhls für individualisierte Bauproduktion an der RWTH Aachen: „Wir brauchen eine neue Arbeitskultur entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Bauwesens, die die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine fördert.“
Zugleich wagten die Panelteilnehmer einen Zukunftsblick mit dem Schwerpunkt der
Corona-Pandemie und deren mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die Bauwirtschaft. Aus verschieden Blickwinkeln wurden Antworten auf die Fragen formuliert, ob sich die Nachfrage nach Bauleistungen und damit der Markt zukünftig verändern wird; und welche Handlungsoptionen und Geschäftsmodelle sich daraus für die Bauwirtschaft ergeben könnten.

Integrales Planen und Bauen erfordert die systematische, ganzheitliche und multidisziplinäre Zusammenarbeit aller an Planung und Bau Beteiligter. Im Panel „Kollaboration  neu denken – Integrative Projektabwicklung im Bauwesen“ warfen Experten einen Blick auf neue Projektabwicklungsmodelle auf partnerschaftlicher Basis in Deutschland.

Ressourcen war eines der beiden Themen am zweiten Tag. Der „European Green Deal“ soll eine ökologische Wende der Industrienationen bewirken. Kommt mit der Energiewende die Ressourcenwende? Auch das Ressourcenmanagement von Stoffströmen ist ein wichtiger Bestandteil des ökologischen Bauens. Welche digitalen Instrumente von heute benötigen wir für die Ressourcen im Bauwerk von morgen? Die Referenten zeigten Ideen auf für den Weg von der Kreislaufwirtschaft zur Circular Economy.

Bei dem Schwerpunkt der Gesprächsreihe ging es um das Bauen für das Klima und den Klimawandel. „Für mehr Menschen mit weniger Material emissionsfrei bauen“, forderte Prof. Dr. Dr. E.h. Dr. h.c. Werner Sobek in seinem Impulsvortrag bei dem 17. Netzwerktreffen Effizienzhaus Plus. 10 Jahre Forschungsinitiative – mit „Effizienzhaus Plus macht Schule“ startete das BMI in das Jubiläumsjahr seiner Forschungsinitiative Effizienzhaus Plus. Die bundesweiten Modellvorhaben werben schon heute für den zukunftsorientierten energetischen Gebäudestandard. Präsentiert und diskutiert wurden baupolitische Tendenzen, „Lessons learnt“ sowie Meilensteine auf dem Weg zum klimagerechten Bauen im Rahmen des Klimaschutzprogramms 2030.

Mit dem Klimaschutzprogramm 2030 verpflichtet sich Deutschland, bis ins Jahr 2030 insgesamt 55 Prozent weniger Treibhausgase als im Vergleichsjahr 1990 zu produzieren. Die Experten diskutierten, wie Innovationen im Bauwesen ressortübergreifend dazu beitragen können, die Ziele des Klimaschutzprogramms zu erreichen. Prof. Dr.-Ing. habil. Thomas Lützkendorf, KIT Karlsruhe, konkretisierte die Frage: „Das Handlungsfeld der Errichtung und Nutzung von Hochbauten verursacht in Deutschland 40% aller Treibhausgasemissionen und bietet gleichzeitig erhebliche Minderungspotenziale für einen Beitrag zum Klimaschutz. Doch wie lassen sich abstrakte Minderungsziele in praxistaugliche Planungs- und Nachweisgrößen überführen?“

Neben Klimaschutz ist Klimaanpassung Klimaanpassung eine ergänzende notwendige Strategie, um auf den Klimawandel zu reagieren. Während das Spannungsfeld zwischen Experiment und Effizienz diskutiert wurde, betonte Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK): „Die gebaute Umwelt ist der wichtigste, aber bisher nicht angemessen berücksichtigte Faktor in der Klimaschutzgleichung. Gebäude und Siedlungen müssen zum einen die Anpassung an die wohl nicht mehr zu vermeidende Erderwärmung (1.5-2°C) ermöglichen. Das bedeutet insbesondere, dass die Planung intensivere Extremwetterlagen in Mitteleuropa antizipieren muss, welche mit strukturellen Veränderungen des sog. Jetstream zusammenhängen. Zum anderen sind Bauen & Betrieb mit herkömmlichen Materialien & Techniken zusammengerechnet globale Treibhausgasquelle Nr.1. Hier bietet sich jedoch eine einzigartige Chance der Vermeidung, ja sogar der Kompensation: Durch den massiven Einsatz von Holz und anderen organischen Baustoffen kann die gebaute Umwelt zur CO2-Senke werden! Idealerweise werden Anpassung und Vermeidung bei Bestand und Neubau zusammengedacht.“

Unter dem Fokus „Die neue Normalität“ stand das Programm am dritten Tag. Beim Wohnen, Bauen und Forschen müssen in und nach der Pandemie neue Wege gegangen werden. Einerseits in der baulichen Infektionsprävention im Gebäude, aber auch in Bezug auf den öffentlichen Raum in Zeiten des Infektionsschutzes.

Im Panel „Wohngut - sozial-ökologischer Hausbau“ wurden zukunftsorientierte Lösungen für einen nachhaltigen Wohnungsbau diskutiert. Ein Beispiel veranschaulichte Nicolas Novotny, Leiter des Bereichs „Planung und Entwicklung“ der Tegel Projekt GmbH für „Berlin TXL, Nachnutzung des Flughafens Tegel“, das europaweit größte Entwicklungsprojekt für urbane Technologien und Smart Cities: „Wenn wir die Zukunft lebenswert gestalten wollen, müssen wir damit in den Städten beginnen. Und wenn wir Neues bauen, dann nicht gegen, sondern mit der Natur. Mit dem Schumacher Quartier auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel entwickeln wir ab 2021 einen Prototypen für die mensch- und naturbejahende Stadt von morgen: gebaut aus nachwachsenden Rohstoffen, wassersensibel, autofrei und energieeffizient, mit grünen Dächern und Fassaden. Ein Quartier der kurzen Wege, mit Angeboten für Alle, digital vernetzt und bezahlbar. Wir möchten hier aufzeigen, was möglich ist – und Nachahmenswertes schaffen.“

Abgerundet wurde das Programm mit Lowtech-Strategien für das Bauen im 21. Jahrhundert, ganz nach dem Motto: mit Simplexität zum resilienten Bauen.

Alle 13 Panels der Gesprächsreihe wurden aufgezeichnet und sind abrufbar unter
https://studio-bund.de

Autorin: Eugenia Brunmaier, BMI, Referat BW I 5
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