Klimaschutz

IW.2050: Ambivalenter Auftakt der Ampel

Das neu geschaffene Bundesbauministerium ließ hoffen. Zudem trugen zahlreiche Punkte im Koalitionsvertrag, die sich explizit Klimathemen widmen, ebenfalls zu vorsichtigem Optimismus bei – gerade bei den fast 160 Partnern der Initiative Wohnen.2050. Durch den Programmstopp für die Bundesförderung für effiziente Gebäude wurde diese erste Euphorie gebremst.

„Vieles war zunächst erfreulich und in einigen Punkten ein Lichtblick“, so kommentiert Felix Lüter, geschäftsführender Vorstand der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050, www.iw2050.de), den von der Ampel-Koalition vorgelegten Vertrag. Allein die klimapolitischen Aspekte des Koalitionspapiers ließen die Wohnungswirtschaft aufhorchen. Schließlich waren eine ganze Reihe kurzfristig anzugehender Neuregelungen rund um Klimaschutz und -effizienz Bestandteil der Vereinbarungen. „Endlich kommt der von der Wohnungswirtschaft und auch von uns als Brancheninitiative schon längst bereit gelegte Stein ins Rollen“, freute sich Lüter noch beim Gespräch im Dezember 2021. Doch mit dem Programmstopp der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) folgte die Ernüchterung auf dem Fuß (siehe Meinung).

Ein eigenes Ministerium ließ hoffen

Solide Basis für alle geplanten Maßnahmen war die Einrichtung eines eigenständigen Ministeriums für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und ländliche Räume. Diese längst überfällige Anlaufstelle soll sich zukünftig mit Sach- und Fachkompetenz sozialen und gesellschaftlichen Aufgaben wie Wohnungsmangel, steigenden Mieten, Klimaschutz und Infrastruktur widmen. Ein weiterer entscheidender Punkt: die Weiterentwicklung des Klimaschutzgesetzes. Der Ruf der Verbände und der Unternehmen schien gehört, endlich die Förderung auf die Minderung der Treibhausgas-Emissionen auszurichten. Die Aufteilung des CO2-Preises, differenziert nach dem energetischen Zustand des Gebäudes, würde einen Vorschlag des GdW aufgreifen. Hinzu kam die Aussage,  den  Ausbau Erneuerbarer Energien, Mieterstrom- und Quartierskonzepte zu vereinfachen und zu stärken, bisherige bürokratische Hürden abzubauen.

Noch ein Schritt in die richtige Richtung: Das Vorhaben der Regierung, sich „für eine flächendeckende kommunale Wärmeplanung und den Ausbau der Wärmenetze“ einzusetzen. Ein wesentlicher Faktor für eine Branche, deren Bestände zur Hälfte mit Fernwärme versorgt werden. Konkret heißt es hierzu im Vertrag, dass bis „2030 50 Prozent der Wärme klimaneutral“ erzeugt werden sollen. Die Koalitionspartner hatten wohl erkannt, dass sie gehörig Fahrt aufnehmen müssen, um die in Glasgow erneut bekräftigten Pariser Klimaziele zu erreichen. So sollen „Planungs- und Genehmigungsverfahren für eine schnellere Realisierung von Strom- und Wasserstoffnetzen“ beschleunigt werden. Schon bis Mitte 2023 wollen die Ampel-Partner eine „Roadmap Systemstabilität“ vorlegen, die maßgebend zur Weiterentwicklung der Sektor-Kopplung beitragen kann. Ebenso geplant ist die Modernisierung und Digitalisierung von Verteilnetzen.

Herkulesaufgabe Klimaneutralität: Lösungen gesucht

Wie die gesamte Branche erwarteten auch die Partner der Initiative Wohnen.2050 nunmehr eine umfassendere Unterstützung bei Lösungen rund um den Klimaschutz, der Erstellung individueller Klimastrategien und dem Ausloten beschreitbarer Pfade auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045. Zahlreiche Themen stehen seit Jahren ganz oben auf der Agenda der Branche. Viel war bereits passiert: Zusammengenommen wurden seit 1990 in den Beständen deutscher Wohnungsunternehmen schon rund 60 Prozent an Treibhausgas-Emissionen und rund ein Drittel an Energie eingespart! Ein schlüssiges und leicht umsetzbares Patentrezept aber, wie Wohnungsunternehmen im Detail die ihnen gestellte Herkulesaufgabe bewältigen sollen, fehlte bislang – zumal es besonders kleineren Marktteilnehmern an personellen und finanziellen Ressourcen mangelt.

Deshalb trat 2020 die IW.2050 auf den Plan. Ihr Ansatz: Mit und für Wohnungsunternehmen individuelle Strategien zur Erreichung der Pariser Klimaziele entwickeln. Felix Lüter: „Unser unabhängiger Zusammenschluss versteht sich als Unterstützer-Netzwerk von Wohnungsunternehmen und deren Verbänden zur Erreichung der Klimaziele.“

Mit welchen technischen, organisatorischen und finanziellen Ansätzen Wohnungsunternehmen die Herausforderung eines komplett klimaneutralen Gebäudebestands bis 2045 meistern können, ist Gegenstand zahlreicher Fachveranstaltungen der IW.2050. Bereits im Gründungsjahr wurden für – und mit –Partnerunternehmen sowie externen Experten Instrumente für die Erstellung individueller Klimastrategien erarbeitet und deren praktische Umsetzung vorangetrieben: Bilanzierungsregeln, drei Werkzeuge zu Bilanzierung, Technik und Finanzierung wurden erstellt, ebenso Website, Lehrvideos und ein Glossar. Bisher fanden über 50 Web-Veranstaltungen statt. Die Partner nutzen die von der IW.2050 entwickelten Instrumente, um ihren Treibhausgas-Ausstoß zunächst zahlenmäßig überhaupt zu erfassen. Nur auf dieser Basis sind dann zukünftige Maßnahmen und Investitionen konkret zu planen. Auch die vom GdW publizierte Arbeitshilfe zum CO2-Monitoring ist aufgrund der engen Zusammenarbeit zwischen GdW und Initiative Wohnen.2050 eine wichtige Grundlage für die gemeinsame Arbeit.

Erster Praxisbericht mit Fakten und Forderungen 

Auf der Basis der täglichen Arbeit, intensiver Recherchen und interner Umfragen entstand 2021 der erste Praxisbericht der IW.2050 mit dem Titel „Gemeinsam. Handeln. Jetzt. – Praxisfakten einer Branche auf dem steilen Weg zur Klimaneutralität“. Die Dokumentation enthält unter anderem Statements, Pilotprojekte und erste Klimastrategien. Sie hat Politikern auf Länder- und Bundesebene verdeutlicht, welche vielfältigen Aufgaben und hohen Investitionen Wohnungsunternehmen in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen. Der Bericht wurde auf der Expo Real 2021 von GdW und IW.2050 vorgestellt und im Anschluss an mehrere Hundert Bundestagsabgeordnete verteilt.

Im Jahr 2022 arbeitet der Zusammenschluss an einer umfangreichen Datenbank mit Zahlen und Fakten aus der Praxis, die von allen Partnerunternehmen stetig erweitert werden soll. Sie kann bei Erstellung und Umsetzung einer eigenen Klimastrategie ebenso genutzt werden wie die drei bereits erarbeiteten Instrumente. Die Plattform zum Erfahrungsaustausch sowie zum Abruf von Erkenntnissen, Wissen und Werkzeugen, um Lösungen für die Klimaneutralität im eigenen Unternehmen zu erarbeiten, ist willkommen. Schließlich stecken viele Wohnungsunternehmen derzeit noch mitten in der Entwicklung einer auf sie zugeschnittenen Klimastrategie – und werden jetzt in ihrer Planung durch den Wegfall der BEG-Förderung gehörig ausgebremst …

„Endlich kommt der von der Wohnungswirtschaft
und auch von uns als Brancheninitiative
schon längst bereit gelegte Stein ins Rollen.“

Seit 1990 wurden in den Beständen deutscher Wohnungsunternehmen schon rund 60 Prozent an Treibhausgas-Emissionen und rund ein Drittel an Energie eingespart.

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