Bestandsaufnahme

Fassadendämmung ist notwendig

Seit über 50 Jahren werden Gebäude mit Wärmedämm-Verbundsystemen gedämmt. Über ihren Einsatz und ihre Eigenschaften wird im Rahmen der Energiewende-Debatte regelmäßig diskutiert. Mal mehr, mal weniger sachlich. Zeit für eine Bestandsaufnahme – hinsichtlich Lebensdauer, Schimmel und Recycling.

Die deutsche Wohnungswirtschaft ist eine treibende Kraft der Energiewende. Sie hat bereits vor Jahren begonnen, ihre „Hausaufgaben“ im Bereich der energetischen Sanierung zu machen. Doch gab und gibt es im Rahmen dieser gewaltigen Anstrengung immer wieder Diskussionsbedarf. Gerade im Bereich der Fassadendämmung ist das zu beobachten. Da das Gewerk eine Schlüsselposition bei der Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudebestand einnimmt, konzentrieren sich hier kritische Fragen ebenso wie dreiste Behauptungen. Doch auch diese ändern nichts an den Fakten:

– Altbauten weisen laut Fraunhofer Institut für Bauphysik im Schnitt einen achtfach höheren Heizwärmebedarf auf als aktuelle Neubauten – und dieses enorme Sparpotenzial lässt sich vor allem durch besser gedämmte Gebäudehüllen (Fassade, Fenster, Dach und Kellerdecke) heben.

– Von den 18 Mio. Wohngebäuden in Deutsch­­land ist mehr als ein Drittel mit einer Fassadendämmung versehen; die meisten davon auf Polystyrol-Basis.

– Fast 30 Mio. Menschen genießen den höheren Wohnkomfort gedämmter Häuser und wollen diesen laut Umfragen auch nicht mehr missen.

Diese Tatsachen hindern unterschiedliche Medien nicht daran, Mieter und Bauherren durch „sensationelle“ Berichte zu verunsichern. Da werden Verbundkonstruktionen verteufelt, die in anderen Gewerken (z.B. Fußböden) längst akzeptiert sind. Da werden Brandgefahren beschworen, die bei gängigen Baumaterialien (z.B. Holz) deutlich höher sind. Da werden Realitäten in ihr Gegenteil verkehrt („Dämmung erzeugt Schimmel“), da wird übertrieben, weggelassen und vermutet. Fragt man den Autor einer solchen Polemik nach den Gründen für die manipulative Berichterstattung, bekommt man nicht selten zur Antwort, dass der Angriff auf die Fassadendämmung nur Mittel zum Zweck sei. Gemeint sei eigentlich die schlecht gemanagte Energiewende der Bundesregierung und insbesondere die unsoziale Umverteilung der Steuergelder von unten nach oben, da in den Genuss staatlicher Förderung nur der gelangt, der Wohneigentum besitzt.

Das hinterlässt Spuren. Mehr und mehr Menschen sind verunsichert und nehmen eine abwartende wenn nicht sogar abwehrende Haltung gegenüber Dämmmaßnahmen ein, obwohl diese wirtschaftlich (Energiepreisentwicklung) und politisch (Abhängigkeit von fossilen Energieträgern) unumgänglich sind. Es ist darum von entscheidender Bedeutung, die wissenschaftlich anerkannten und belegbaren Fakten wieder und wieder zu kommunizieren. Nur so kann es gelingen, diese willkürliche Stellvertreter-Debatte zu beenden, damit Regierung und Gesellschaft endlich die eigentliche Frage beantworten: „Wie gelingt ein sozialverträglicher Umgang mit den Kosten der Energiewende?“

… und hält und hält und hält!

Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) sind weder neu noch unerprobt. Die ersten Fassadendämmungen dieser Art wurden bereits Mitte der 1960er Jahre ausgeführt. Und obwohl sie permanent Umwelteinflüssen ausgesetzt sind, halten fachgerecht verarbeitete Premiumdämmsysteme diesen Beanspruchungen problemlos stand. Noch heute in bester Verfassung ist beispielsweise eine Berghütte im österreichischen Tschagguns, die bereits 1964 gedämmt wurde. Gleiches gilt für die Fassade eines 1966 gedämmten Hauses im Vorarlberger Lustenau. Nach 47 Jahren Standzeit, in der das System ein Mal überstrichen wurde, ist es so funktionsfähig wie am ersten Tag. Oder ein Tuttlinger Geschäftsgebäude, 1967 von Malermeister Alfred Schilling mit StoTherm Classic gedämmt. Sein Sohn Paul Alfred Schilling konstatierte bei einer Begehung 2010: „Es steht noch super da! Sie müssen bedenken, dass in den vergangenen 43 Jahren nichts daran gemacht wurde. An der Oberfläche ist es zwar etwas verschmutzt, deshalb würde ich einen neuen Anstrich empfehlen ... Aber das ist nach so langer Zeit nicht verwunderlich … Wichtig ist, dass das System noch intakt ist. Keine Risse oder Abplatzungen.“

Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP hat sich schon früh für die „Haltbarkeit“ von WDVS interessiert. Unter anderem werden gedämmte Gebäude seit über drei Jahrzehnten beobachtet und überprüft. In dieser Zeit sind alle kontrollierten Systeme einmal, eines davon zweimal, gestrichen worden. Damit ergibt sich ein Renovierungsintervall von rund 20 Jahren. „Dies liegt im Bereich der oberen Grenzwerte für die Renovierung von Fassadenanstrichen“ (IBP-Mitteilung 462, 32/2005). Bei der letzten Überprüfung wurden alle überprüften Fassadendämmungen der Gruppe 1 („keine Mängel erkennbar“) zugeordnet. Außerdem hielten die Forscher folgende Erkenntnisse fest:

– Fassadenschäden treten wegen der Entkoppelungswirkung der Dämmschicht hier seltener auf als bei konventionellem Mauerwerk mit Putz.

– Wartungsaufwand und Wartungshäufigkeit entsprechen denen von konventionellen Wandbildnern mit Putz. Dies gilt auch für die Dauerhaftigkeit insgesamt.

Außen WDVS – innen warm, trocken, schimmelfrei

20 Mio. deutsche Wohnungen, so Schätzungen, sind mehr oder weniger stark von Schimmelpilzen befallen. Als Ursache dieses katastrophalen Zustands nennen Medien immer wieder Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden. Dass diese Vermutung bereits 2007 vom Aachener Institut für Bauschadensforschung und angewandte Bauphysik zurückgewiesen wurde (Professor R. Oswald et al., Schimmelpilzbefall bei hochwärmegedämmten Neu- und Altbauten, Abschlussbericht, 2007), interessiert die Anhänger dieser Theorie ebenso wenig wie die Forschungsergebnisse der Fraunhofer-Gesellschaft. So machen Michael Krätschell und Frank Anders in ihrem Buch „Schäden durch mangelhaften Wärmeschutz“ (Fraunhofer IRB Verlag, 2. Auflage 2012) deutlich, dass zur Vermeidung eines Schimmelpilzbefalls die Tauwasserfreiheit des Bauteils nicht genügt, sondern „darüber hinaus gewährleistet sein muss, dass die relative Luftfeuchte an den Bauteiloberflächen nicht über längere Zeiträume 80% überschreitet“. Und wie erreicht man das? Durch „die Sicherstellung ausreichend hoher Oberflächentemperaturen auf Bauteilen durch einen ausreichenden Wärmeschutz und eine entsprechende Beheizung sowie Lüftung“.

Das Dämmen der Fassaden ist also nicht der Grund für Schimmelbefall in Wohnungen, sondern die schärfste Waffe dagegen. Mit ihr lässt sich die wichtigste gebäudebedingte Ursache für Schimmelpilzbefall ausschalten. Hat man auch sonstige Verletzungen der Gebäudehülle, defekte Rohrleitungen, Ab­­dichtungs- und Installationsmängel unter Kontrolle, bleibt noch der Nutzer als „Gefahrenquelle“. Die beispielsweise von einem Dreipersonenhaushalt täglich produzierten 14 l Wasser in Form von Wasserdampf müssen nun einmal weggelüftet werden; entweder durch eine Lüftungsanlage oder durch Öffnen der Fenster. Durch eine ordentlich verputzte Wand geht es nicht und ging es nie (trotz der irrigen Vorstellung von der „atmenden Wand“), und auch dauergekippte Fenster lösen das Problem nicht, sondern verschärfen es, da die Oberflächentemperatur der Bauteile gesenkt wird. Will man Mieter bei dieser Aufgabe unterstützen, bieten sich zwei Dinge an: Aufklärung und silikatische Innenprodukte. Ihre dauerhaft hohen pH-Werte lassen Innenfarben und -putze lange schimmelfrei bleiben. Das bestätigt auch eine Langzeitstudie des Mykon-Instituts der Universität Innsbruck.

Es wird keine neuen Alpen geben

Gerne fabulieren Dämmgegner mit Blick auf den gängigsten Dämmstoff, expandiertes Polystyrol (EPS), von zukünftigen Müllbergen „so hoch wie die Alpen“. Doch diese Müllberge gibt es nicht, und es wird sie auch nicht geben. Dämmsysteme werden – obwohl dies immer wieder behauptet wird – nicht nach 20 oder 30 Jahren rückgebaut. Die Forscher des Fraunhofer Instituts für Bauphysik haben nachgewiesen, dass beim Einsatz von WDVS Fassadenschäden seltener auftreten als bei konventionellem Mauerwerk mit Putz und dass die Dauerhaftigkeit gedämmter Fassaden der von konventionellen Wandbildnern mit Putz entspricht (IBP-Mitteilung 461, 32/2005).

Fallen bei der Applikation eines neuen WDVS Polystyrol-Abfälle an (3 – 7% der jährlich verbauten Dämmstoffmenge), werden diese heute schon sortenrein gesammelt, an die Hersteller zurückgegeben und wiederverwertet. EPS-Abfälle aus Abriss oder Systemrückbau gibt es in Deutschland kaum. Die Menge beträgt derzeit rund 1 Promille der neu verbauten Dämmstoffe, denn ältere Dämmsysteme werden meist durch Aufdopplung an aktuelle Effizienzstandards angepasst.

Mit der Aufdopplung rüstet man nicht ausreichend ge­­dämmte Häuser auf den heutigen Standard auf, ohne die alte Dämmung zu entfernen. Stattdessen montieren die Handwerker eine neue Dämmung direkt auf die bestehende Fassade und nutzen so das alte System weiter. Dieses bauaufsichtlich zugelassene Verfahren spart ebenso Zeit wie Ressourcen und vermeidet kostspielige Abbrucharbeiten. Die Zulassung erlaubt die Aufdopplung verputzter Altsysteme, deren Dämmplatten aus EPS, Mineralwolle oder Mineralwolle-Lamellen bestehen. Das Verfahren entspricht – nach dem Nachweis der Standsicherheit des Altsystems, das zu diesem Zweck an einigen Stellen geöffnet wird – der üblichen WDVS-Montage. Und um einen ökologisch sinnvollen Umgang mit künftig steigenden Abfallmengen sicherzustellen, haben die Herstellerverbände Deutschlands und Österreichs die Fraunhofer-Institute für Bauphysik (IBP) sowie für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) und das Münchener Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) mit einem umfangreichen Forschungsprojekt zu den Themen Rückbau, Trennung und Recycling beauftragt.

Das sind nur einige der Fakten, die in der Berichterstattung kaum eine Rolle spielen. Warum das so ist? Nun, Komplexität ist anstrengend, sie erfordert Konzentration und Mitdenken. Mit plakativen Thesen lässt sich mehr Aufmerksamkeit erzielen. Wer hingegen wie die vielen Mitarbeiter der Wohnungswirtschaft wieder und wieder erklärt und Zusammenhänge herstellt, macht sich angreifbar; schließlich ist es viel leichter, reißerische Fragen zu stellen, als differenzierte Antworten zu geben. Dazu kommt, dass jede Antwort wieder einem anderen missfällt. Hier dennoch nicht nachzulassen, nicht aufzuhören, auf die belegbaren Tatsachen hinzuweisen, ist aller Ehren wert. Oder wie Albert Camus es formulierte: „Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

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