Expertise in allen relevanten Disziplinen

Interview mit Monika Fontaine-Kretschmer, Geschäftsführerin der Un­­ter­neh­mensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt und zuständig für die Marke NH Projekt-Stadt, unter der das größte hessische Wohnungsunternehmen seine Stadtentwicklungskompetenz bündelt, über die immer deutlicher formulierte Forderung nach Bürgerbeteiligung in Planungsprozessen.

Frau Fontaine-Kretschmer, Stadtentwicklung wird immer komplexer, der Bürger fordert seine Mitbestimmungsrechte ein. Welche Konsequenzen hat das für Ihre tägliche Arbeit?

Fontaine-Kretschmer: Es gibt fürwahr noch Kolleginnen und Kollegen aus der Architekturzunft, die dem alten Satz „avantgardistische Architektur und Partizipation schließen sich aus“ huldigen – wir machen bei unseren Projekten indes eher die gegenteilige Erfahrung.

Wie kommt das?

Fontaine-Kretschmer: Bestes Beispiel: die Konversion in Heidelberg. Wir haben dort einen vielschichtigen Dialog nach den weitreichenden lokalen Leitlinien der Bürgerbeteiligung inszeniert. Dazu wurden alle Betroffenen schon früh mit ins Boot geholt.

Erfreuliches Ergebnis: Wir haben derart viele Ideen und Entwicklungsperspektiven erhalten – wir hätten die Fläche doppelt und dreifach füllen können! Für ambitionierte Architektur ist da genauso Platz wie für ein Kreativwirtschaftszentrum, einen Begegnungsort für transatlantische Beziehungen und natürlich viel günstigen Wohnraum.

Und das Erfreulichste: Die Entwicklung wird von allen getragen. Es entsteht keine Retortenstadt am Reißbrett, sondern ein lebendiger Stadtteil, den selbst aufmerksame Betrachter in ein paar Jahren nicht mehr von seinem Umfeld unterscheiden können.

Was sind die neuralgischen Punkte bei der Bürgerpartizipation?

Fontaine-Kretschmer: Wichtig ist gerade die Bandbreite der Beteiligung. Sie müssen Wohnungsgesellschaften, Investoren und Eigentümer genauso einbinden wie Bürger, Gewerbetreibende, Anwohner sowie lokale Wirtschaft, Vereine, Naturschutzverbände und natürlich die Entscheider in der Verwaltung. Das ist kein homogenes Publikum. Dabei gibt es Konflikte. Die Interessen von Jugendlichen, die eine Perspektive und Abwechslung suchen, beißen sich evtl. mit denen von Senioren, die ruhig und selbstbestimmt leben wollen, Wirtschaft und Naturschutz gehen auch nicht immer konform.

Aber: Alle Beteiligten haben kreative Ideen, die in das Stadtentwicklungsprojekt einfließen können. Und – fast noch wichtiger – der Prozess muss glaubwürdig geführt werden. Mitarbeit statt Kenntnisnahme lautet die Devise. Wichtig ist aber auch, den Beteiligten von Anfang an ihre Rolle klar zu machen: Dürfen sie mitentscheiden oder sind sie nur Ideengeber? Spielregeln müssen definiert und eingehalten werden.

Das stellt hohe Anforderungen an die Stadtentwickler?

Monika Fontaine-Kretschmer: Selbstverständlich! Maßgeschneiderte Lösungen für jede individuelle Aufgabenstellung innerhalb der Kommune sind oberstes Gebot. Unser Plus ist es auch, dass unser Sozialmanagement in unserem eigenen Bestand von über 60.000 Wohnungen schon mit nahezu allen möglicherweise auftauchenden Problemfeldern vertraut ist.

Wir verfügen daher – neben der Stadtplanungskompetenz – über einen großen Erfahrungsschatz und viel Praxiserfahrung, wenn es darum geht, Bewohner der unterschiedlichsten Couleur zu motivieren. Dabei hilft es uns, dass wir das betriebswirtschaftliche und das architektonisch-planerische Know-how im eigenen Haus haben. Wir wissen, wie Wohnungsunternehmen denken und Lösungen entwickeln.

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