Serielles Bauen

Was die Fassade leisten kann

Gerade in Ballungszentren und Universitätsstädten ist die Wohnungsnot derzeit groß. Vor allem bezahlbare Geschosswohnungen fehlen. Hier sind Industrie und Politik gleichermaßen gefragt, technisch innovative, nachhaltige und wirtschaftlich tragbare Lösungen anzubieten. Das serielle Bauen stellt hierfür ein wichtiges Instrument dar, das ein beschleunigtes Bautempo ermöglicht und die Baukosten senken kann.

Die Fehler der Vergangenheit mit Platten- und Großbausiedlungen und deren Tendenz zu einer gewissen Uniformität dürfen nicht wiederholt werden. Politik, Wohnungswirtschaft und Planer sind sich ihrer baukulturellen Verantwortung bewusst. Der heutige Anspruch an seriellen Wohnungsbau zielt auf eine starke Akzeptanz in der Gesellschaft ab und ist durch einen hohen Grad an Individualisierung gekennzeichnet.

Ziel ist es, städteplanerisch, baulich und gestalterisch qualitätsvolle Wohnbauten zu schaffen, die auch den veränderten Ansprüchen zukünftiger Generationen gerecht werden. Standardisierung und Vorfertigung helfen dabei, Bauprozesse zu beschleunigen, gleichzeitig eine hohe Qualität zu garantieren und die Kosten zu reduzieren.

Auf der Grundlage des Systembaukastens der Vorgehängten Hinterlüfteten Fassade (VHF), z. B. in Form von vorkonfektionierten Systemlösungen, gelingt es, den Gedanken und die Vorteile des seriellen Bauens mit den Anforderungen an eine hochwertige, abwechslungsreiche und ästhetische Gestaltung zu verbinden. Die einzelnen Komponenten der VHF lassen sich je nach Anforderungen nahezu beliebig kombinieren. Dabei ergeben sich vielfältige Möglichkeiten hinsichtlich der Materialität und Oberflächenbeschaffenheit der Bekleidung, ihrer Formate, Fugenverläufe oder Befestigungsarten.

Baumonokultur wird so vermieden. Alle energetischen und statischen Anforderungen lassen sich bauphysikalisch sicher und technisch problemlos erfüllen. Investoren, Bauherren und Nutzer profitieren gleichzeitig von der Langlebigkeit, den geringen Lebenszeitkosten und der unkomplizierten Rückbaufähigkeit des Systems, fast alle Komponenten sind recyclingfähig. Die nachfolgenden Projekte zeigen, welche Gestaltungsvielfalt die VHF im Bereich des seriellen Bauens ermöglicht und welches Potential das Fassadensystem damit auch für die Lösung der Wohnungsbauproblematik bieten kann.

Aktiv-Stadthaus mit Fassadenbekleidung aus Solarpaneelen und Faserzement

Das Aktiv-Stadthaus von HHS Architekten aus Kassel ist das derzeit größte innerstädtische Plusenergiehaus Europas. Das achtgeschossige Mehrfamilienhaus wurde in Hybridbauweise mit vorgefertigten Fassadenelementen errichtet, sodass die Gebäudehüllen mit höchsten Energiestandards schnell geschlossen werden konnten.

Etwa 150 Fassadenelemente in einer Größe bis zu 12 x 3 Metern wurden inklusive Fenstern sowie den vorgehängten Faserzementtafeln werkseitig vorgefertigt und geliefert. Ausschließlich die Photovoltaikmodule an der Südfassade wurden direkt auf der Baustelle auf einer Alu-Unterkonstruktion montiert. Die Fassade mit einer Gesamtfläche von rund 5.400 m² konnte in nur 4 Monaten realisiert werden. Die Module auf dem Dach und an der Fassade versorgen die Bewohner mit dem notwendigen Solarstrom.

Die Energiegewinne, die das Aktiv-Stadthaus unter anderem über die Südfassade als zusätzliche Ertragsfläche selbst erzeugt, kommen den Bewohnern in Form einer Flatratemiete zugute. Für die Erwärmung von Trink- und Brauchwasser wird der Anschluss an einen nahe gelegenen Schmutzwasserkanal genutzt. Diesem wird über Wärmetauscher Wärme entzogen und mit Wärmepumpen und Pufferspeichern in das System eingespeist.

Energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses in Hamburg

Im Hamburger Stadtteil Lokstedt prägt seit 1975 ein Mehrfamilienhaus mit insgesamt 28 Wohneinheiten das Umfeld in der Von-Eicken-Straße – insbesondere durch seine beiden im Versatz zueinander stehenden ‚Wohnquader‘. Das Gebäude gehört zum Bestand der Baugenossenschaft dhu. Diese ließ im Zuge einer energetischen Sanierung die großformatigen Faserzementplatten sowie alle Balkonbrüstungen durch einen zertifizierten Fachbetrieb abtragen.

Die Entwurfs- und Ausführungsplanung sowie die Objektüberwachung übernahm das Hamburger „raumbüro architektur“. Ein detailgenauer Rasterplan für die Verlegung von keramischen Fassadenplatten sah aus gestalterischen Gründen vier verschiedene Formathöhen und unterschiedliche Plattenlängen in drei Farben vor, die maßgenau vorproduziert wurden. Nur die Anschlussplatten mussten zum Toleranzausgleich auf der Baustelle zugeschnitten werden.

Die senkrechte Unterkonstruktion besteht aus ebenfalls vorgefertigten Aluminium-T-Profilen, die in statisch erforderlichen Abständen an der Gebäudewand verankert wurden. Auf die horizontalen Tragwerksprofile wurden die keramischen Plattenelemente verdeckt mittels Klammern befestigt. Zuvor brachten die Fassadenbauer eine 16 cm starke Dämmung aus einseitig vlieskaschierten schwarzen Mineralfaser-Platten an.

Die VHF aus keramischen Fassadenelementen erweist sich als hochwertig, wirtschaftlich und nicht brennbar. Die lange Lebensdauer der Fassade, der geringe Wartungsaufwand und die optische Aufwertung des Hauses tragen zur Wertsteigerung bei.

Graue Villa im Wiesenviertel: Verwaltungsgebäude am Bavariaring, München

Der Bavariaring ist als Teil des geschützten Ensembles Wiesenviertel geprägt von einer offenen Bebauung, bestehend aus großmaßstäblichen, repräsentativen Stadtvillen. Andreas Ferstl in Muck Petzet und Partner Architekten wurde mit dem Umbau eines Villengebäudes beauftragt. Das 1976 von Kurt Ackermann entworfene Wohn- und Verwaltungsgebäude wurde im Inneren hinsichtlich seiner Nutzung neu strukturiert.

Mit der neu interpretierten Fassade aus geschoßhohen, massiven, räumlich geknickten Beton-Fertigteilen aus Faserbeton und Aluminium-Fensterkonstruktionen erhält es ein moderneres und massiveres Erscheinungsbild. Die Tiefenschichtung zwischen der außenliegenden Betonstruktur und den zurückgesetzten Öffnungen wird zu einem spielerischen Wechsel unterschiedlicher Formate und Fensterpositionen genutzt.

Unterschiedliche Öffnungsformate weisen zudem auf die verschiedenen Nutzungen hin: Konferenzbereich im Untergeschoss, Büros in den darüber gelegenen Geschossen und Wohnen zuoberst. Das im Jahre 2004 erneuerte Gebäudedach und der Grundriss der Wohnungen wurden dabei beibehalten. Lässt es die strenge, graue Fassade von außen kaum vermuten, zeigt das
Innere dank der verschiedenfarbigen Vorhänge und Teppiche eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz.

Deutsche Fassadentechnik für die „Liverpool Waterfront“: Museum of Liverpool

Das neue Museum of Liverpool hat seinen Platz an exponierter Stelle im Hafen von Liverpool. An vorderster Stelle auf der Mann Island und eingebettet in die „Liverpool waterfront“ mit außergewöhnlichen historischen und modernen Gebäuden ist das Bauwerk sowohl von der Wasserseite als auch von der Stadt aus sichtbar und als Wahrzeichen auszumachen.

Die ungewöhnliche dreidimensionale Gebäudehülle aus 3 cm dicken kalksteinfarbenen Juraplatten hat an der besonderen Wirkung dieses Gebäudes einen großen Anteil. Jeweils sechs Platten bilden zusammengenommen eine erkennbare, vom Mittelpunkt zu den Seiten hin abfallende Raute. Die hinterlüfteten Platten scheinen dabei zur massiven Struktur der Wände zu gehören, da von außen keinerlei Befestigungspunkte sichtbar sind.

Durch das so unmittelbare Nebeneinander dieser Rauten aus poliertem Kalkstein entsteht eine schuppenartige, das Licht in vielfältiger Weise reflektierende, dreidimensionale Fläche. So entwickeln sich sowohl über Tag als auch bei der abendlichen Anstrahlung des Bauwerks immer neue Effekte und überraschende Eindrücke.

Die Planer des dänischen Architektenbüro 3XN griffen für das „Museum of Liverpool“ auf innovative Fassadentechnik aus Deutschland zurück. Mit speziell entwickelten Hinterschnittankern ließen sich die schweren vorgefertigten Fassadenelemente ohne sichtbare Befestigung sicher fixieren. Auch die Natursteinplatten und die Unterkonstruktion wurden aus Deutschland geliefert.

Ambitionierte Fachmarktarchitektur: Bauhaus Halensee, Berlin

Das Bauhaus Halensee in Berlin liegt parallel zur Bahntrasse am prominenten Endpunkt des Berliner Kurfürstendamms. Auf einem schwierigen Grundstück mit Geländesprung planten die Berliner Architekten Thomas Müller Ivan Reimann das Gebäudeensemble aus verschiedenen Blickrichtungen und versuchten nicht nur auf die Nachbarbebauung, sondern auch auf die angrenzenden Verkehrsräume zu reagieren.

Die seitlichen, bis zu 180 Meter langen Fassaden des Fachcentrums werden fast ausschließlich aus der Ferne wahrgenommen. Sie bestehen aus dreidimensionalen Kassetten aus silbergrauen, einbrennlackierten Aluminium-Verbundplatten, welche bereits geschnitten und gefräst auf die Baustelle geliefert und dann von Ort gefaltet wurden.

Die Fassade wechselt je nach Wetter und Tageszeit durch unterschiedlichen Lichteinfall Farbe und Erscheinungsbild. Aus der Ferne ist dabei nicht sofort erkennbar, ob das markante Licht- und Schattenspiel durch eine plastische Faltung oder eine aufgemalte Optik entsteht. Gleichzeitig sorgt die Faltung der Kassetten aus Aluminium-Verbundplatten dafür, dass der Schall gestreut und Geräusche in verschiedene Richtungen gelenkt werden.

Standardisierung und Vorfertigung helfen dabei, Bauprozesse zu beschleunigen, gleichzeitig eine hohe Qualität zu garantieren und die Kosten zu reduzieren.

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