Aufzugnachrüstung

Transparente Vorgesetzte

Für Wohnungsunternehmen ist es nicht einfach, Mieterwünsche nach Barrierefreiheit und Komfort mit betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten unter einen Hut zu bringen. Doch es gibt Möglichkeiten, wie das Beispiel der Wohnungsgenossenschaft Dessau zeigt. Das Unternehmen ließ ein Wohngebäude sanieren und mit sechs Aufzügen nachrüsten.

Der demografische Wandel hat Dessau voll erwischt. Wie viele andere Städte leidet sie unter Bevölkerungsschwund. Etwas mehr als 100.000 Einwohner hatte die für ihr Bauhaus-Erbe bekannte Stadt nach der Wende. Heute sind es vielleicht noch 75.000. „Das stellt die Vermieter vor schwere Entscheidungen“, sagt Michael Wermter von der Wohnungsgenossenschaft Dessau. Das Unternehmen verwaltet rund 4.000 Wohnungen und zählt damit zu den vier größten Wohnungsunternehmen der Stadt, die seit der Fusion mit der Nachbarstadt korrekt Dessau-Roßlau heißt.

Eine probate Reaktion auf die abnehmende Einwohnerzahl ist der Abriss. Er kommt vielfältig daher: mal durch Aufgabe ganzer Blöcke, mal durch Beseitigung der Obergeschosse (wodurch Plattenbauten zu Reihenhäusern werden), mal durch Ersatz des Altbestands. „Das ist bislang unser Weg“, sagt der 39-Jährige. „Wir errichten auf den freigeräumten Grundstücken Neubauten.“ Wie zum Beispiel das Mehrfamilienhaus in der Parkstraße 11, das gehobenen Wohnraum mit entsprechend höheren Mieten bietet.

Ein Quartier mit Zukunft

Ein Abriss des Gebäudes Askanische Straße 70 - 80 kam dagegen nicht in Frage. „Die Substanz ist gut, der Stadtteil Dessau-Mitte hat Perspektive“, sagt Wermter, der als Leiter des Technischen Services für die Reparatur-, Bau- und Modernisierungsvorhaben der Genossenschaft zuständig ist. Knapp 75 m lang ist der im Jahr 1969 errichtete Bau – vor der Modernisierung im vergangenen Jahr ein wuchtiger Koloss mit 90 Wohnungen, die sich auf sechs Eingänge verteilen.

Bei einigen Plattenbauten, wie dem P2-Ratio, kann der Aufzug im Treppenauge nachgerüstet werden. Hier ist dies nicht so leicht möglich. „Es gibt kein Treppenauge, in das die Anlage hätten eingebaut werden können“, sagt Wermter. Stattdessen wurden Stahlglasschächte an die Hofseite des Gebäudes angesetzt. „Das macht sich gut und lockert die Fassade auf“, freut er sich.

Komplett modernisiert

Jede der sechs Anlagen fährt vom Erdgeschoss die Podeste auf halber Treppe an: So besteht ein Zugang zwischen dem zweiten und dritten, ein weiterer zwischen dem vierten und fünften Obergeschoss. „Die beste Lösung war ein Kompromiss, der in solchen Fällen häufig eingegangen wird“, sagt Mirko Göhler, der für den Aufzugshersteller Kone viele Plattenbau-Nachrüstungen betreut hat. Denn was wäre die Alternative gewesen? Hohe Kosten, Wohnraumverluste und erhebliche Beeinträchtigungen für die Mieter. „Die Genossenschaft hätte auf jeder Etage die Wohnflächen zwischen Treppenhaus und Außenwand beseitigen müssen, um an­­schließend den Schacht quer durch alle Etagen des Gebäudes zu treiben“, erklärt er. „Und das sechs Mal in einem bewohnten Gebäude.“

Die Genossenschaft treibt die Ausstattung mit Aufzügen voran. Inzwischen sind insgesamt 80 Anlagen neu oder nachträglich installiert worden. Der Gebäudebestand ist durchaus heterogen. Nur knapp die Hälfte der Genossenschaftsbauten besteht aus der „Platte“. Zur anderen Hälfte zählen Gründerzeithäuser rund um die Dessauer Altstadt, dann die Laubenganghäuser, die 1929 / 30 durch die Bauabteilung des Bauhauses errichtet wurden und heute zum Welterbe der UNESCO zählen, weiterhin die zu DDR-Zeit in Monolithbauweise errichteten Wohnbauten vom Typ Brandenburg und schließlich die Bauten aus der Nachwendezeit.

Seit dem Jahr 2000 werden an den Gebäuden der Wohnungsgenossenschaft Dessau Aufzüge nachgerüstet. Rund ein Viertel des Bestands von 4.000 Wohnungen ist zwischenzeitlich mittels Aufzug erreichbar. Jahr für Jahr kommen drei bis fünf Anlagen dazu. Die Anlagen in der Askanischen Straße waren die ersten, die von dem hannoverschen Hersteller von Aufzügen, Rolltreppen, automatischen Türen und Toranlagen installiert wurden. Michael Wermter zeigte sich zufrieden: „Die Montage ging reibungslos und die Anlagen laufen seit Inbetriebnahme störungsfrei.“

Die Aufzüge fahren die Podeste auf halber Treppe an.
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