Wohnen der Zukunft: Ambient Assisted Living

Wer wünscht sich das nicht: bis ins hohe Alter selbstbestimmt zu Hause leben. Damit aus dem Wunsch Wirklichkeit werden kann, tüfteln viele Unternehmen an Ambient Assisted Living-Lösungen.

Gerade hat das Statistische Bundesamt die aktuellen Zahlen zur Lebenserwartung in Deutschland veröffentlicht. Neugeborene Mädchen können sich danach auf fast 83 Jahre freuen, die Jungen haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 78 Jahren.

Mit dem erfreulichen Anstieg der Lebenserwartung geht aber auch eine dramatische Veränderung der Demografie einher: So sind im Jahr 2035 mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands mindestens 50, jeder Dritte ist über 60 Jahre alt (Quelle: http://nullbarriere.de/ambient-assisted-living.html). 2050 werden in Deutschland zehn Millionen über 80-Jährige leben, derzeit sind es knapp vier Millionen. Auch die Zahl der Privathaushalte wird weiter steigen. Dabei nehmen vor allem Einpersonenhaushalte von über 60-Jährigen zu.

Medizinische Betreuung auf Knopfdruck

Was diese Zahlen nicht sagen: Viele ältere Menschen leben zwar allein, sind aber auf Unterstützung oder Pflege angewiesen. Die Folge: Der Bedarf an unterstützender Technik nimmt zu. „Ältere Menschen könnten viel länger sicher und selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung leben, wenn sie die richtigen Hilfsmittel dafür nutzten. Die richtige Technik gibt es“, sagt Professor Dr. Ludger Schmidt vom Fachgebiet Mensch-Maschine-Systemtechnik der Universität Kassel.

Aktuell steht die Entwicklung intelligenter IT-Systeme für das selbstbestimmte Leben zu Hause (Ambient Assisted Living, kurz AAL) zwar noch am Anfang. Dennoch gibt es schon eine Reihe überzeugender Anwendungen. Dabei kann es sich um einen kleinen Bewegungssensor handeln, der beim nächtlichen Toilettengang sanft das Licht anschaltet. Es gibt aber auch komplexe telemedizinische Dienste, die bei chronischen Erkrankungen eine kontinuierliche medizinische Betreuung in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Ein zukunftsweisendes Thema: Schon jetzt gibt es Studiengänge, die sich mit AAL befassen, zum Beispiel an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

AAL steigert den Wert der Immobilie

Doch was genau bedeutet AAL für die Wohnungsbranche? Die aktuelle Metastudie „Demografische Entwicklung und Wohnen im Alter“, die das Institut für Bauforschung e.V. Hannover im Auftrag des Bauherren-Schutzbund e.V. erstellt hat, kommt zu dem Ergebnis, dass für die nächsten 15 bis 20 Jahre mit einer erheblichen Versorgungslücke an barrierefreien bzw. altersgerechten Wohnungsangeboten zu rechnen ist. 2025 werden mindestens zwei Millionen seniorengerechte neue Domizile gebraucht. Das bedeutet, dass bis dahin pro Jahr mindestens 100.000 solcher Unterkünfte geschaffen werden müssen.

„Wohnungsunternehmen müssen sich angesichts der älter werdenden Bevölkerung immer größer werdenden sozialen Herausforderungen stellen“, sagte Dr. Thomas Hain, als er 2010 als Geschäftsführer der VOLKSWOHNUNG GmbH aus Karlsruhe gemeinsam mit der Telekom ein Mieterservice-Portal präsentierte. Das Ziel: zufriedenere Mieter und mehr Lebensqualität in allen Altersphasen. Das Portal sollte den Alltag der Mieter erleichtern, ihnen mehr Komfort bieten – und sie damit dazu bewegen, möglichst lange in der eigenen Wohnung zu bleiben.

Neben einer geringeren Fluktuation in Mietobjekten sorgen AAL-Systeme aber auch für eine erhebliche Aufwertung von Neubauten. Als zum Beispiel in Weiterstadt Eigentumswohnungen mit AAL-Systemen gebaut wurden, „war die Nachfrage extrem groß“, erklärte Reiner Wichert von der Fraunhofer Allianz „Ambient Assisted Living“.

Wohnungsunternehmen als Service-Makler

Grundlage des Mieterservice-Portals in Karlsruhe und ähnlicher Pilotprojekte: ein altersgerechter und intuitiv bedienbarer Tablet-PC mit Touchscreen. Per Fingertipp können die Mieter darüber Hausmeister und Handwerker benachrichtigen oder in einer Notsituation um Hilfe rufen. Auch weitere unterstützende Services, wie Einkaufs-, Pflege- oder Medikamentenbringdienste sowie Essen-auf-Rädern, gehören in der Regel zum Angebot. Die Wohnungsgesellschaft agiert in diesen Projekten als „Makler“ und vermittelt den Mietern die passenden Dienste. Telekommunikations- und IT-Dienstleister entwickeln die Hard- und Software dafür und sind für den Betrieb verantwortlich.

Der Johanniterorden setzt in seinem betreuten Wohnkonzept Sarstedt bei Hannover mit seinen AAL-Angeboten sogar bereits vor der Pflegebedürftigkeit an. Seine haushaltsnahen Dienste lassen sich über eine offene Smart-Home-Plattform abrufen. Jeder Wohnung wird dazu ein Tablet-PC zugeteilt, über den die Bewohner Licht, Heizung oder Jalousien steuern oder über das Szenario „Wohnung verlassen“ automatisch alle Elektrogeräte ausschalten können. Das Tablet fungiert in diesem Fall als eine Art Kommunikationszentrale, über die der Kontakt nach außen gehalten wird.

Bis Mitte des Jahres noch läuft „VITALIG Zuhause“ in Goch, ein Projekt, das die Telekom gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg durchführt. Ansatz dort: die Videotelefonie. Über ein Service-Portal können die Nutzer ganz leicht virtuell nach draußen gehen – zu Angehörigen, Ärzten, Pflegern und den beteiligten Geschäften. Das spart Zeit und Wege und beugt der Vereinsamung vor. 120 Anschlüsse wurden bisher geschaltet. „Gerade im Alter sind gewohnte Strukturen von besonderer Bedeutung“, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Otto. „VITALIG Zuhause leistet eine immense Hilfestellung.“

Telekom kommt mit SIMPLINO

Mit SIMPLINO hat auch die Telekom ein neues Assistenz- und Informationssystem für das selbstbestimmte Wohnen im Alter auf den Markt gebracht. Über ein leicht bedienbares Touch-Display steuern Mieter damit ihre Hausautomation, wie die Videoüberwachung der Haustür oder die Türsprechanlage. Zusätzlich können sie mit dem System auf verschiedene In­­formationen und Dienstleistungen zugreifen. SIMPLINO setzt auf den Erfahrungen auf, die die Telekom mit bisherigen AAL-Pro­­jekten gemacht hat. So sind in das Produkt unter anderem bereits Erkenntnisse zur Videotelefonie aus dem Projekt „VITALIG Zuhause“ eingeflossen. Außerdem berücksichtigt das AAL-System den Wunsch zahlreicher Nutzer nach regionalen Informationen sowie einer kombinierten Kalender- und E-Mail-Funktion.
Vo­­­raussetzungen für die Innovation: ein Internet-Breitbandanschluss sowie ein WLAN-fähiger Router. Die Telekom stellt für die Wohnungsgesellschaften die Hardware bereit und verantwortet den Betrieb der Lösung.

Viele ältere Menschen leben zwar allein, sind aber auf Unterstützung oder Pflege angewiesen. Die Folge: Der Bedarf an unterstützender ­Technik nimmt zu.

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