Stadtquartiere ohne Barrieren

Mit den Erfolgen beim Abbau baulicher Barrieren in Wohngebäuden gerät das angrenzende Wohnumfeld wieder in das Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit.

1. Einführung

„Barrierefreiheit“ und „Barrierearmut“ haben vor dem Hintergrund der sich gewandelten demografischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, insbesondere des zunehmenden Anteils älterer Menschen, eine neue Aufmerksamkeit erlangt. Damit auch ältere Menschen in ihrem vertrauten Lebensraum ohne größere Einschränkungen bleiben können, sind vor allem Wohnungen und Wohnumfeld an die Bedürfnisse der Nutzer anzupassen. Mit den sichtbaren Erfolgen beim Abbau baulicher Barrieren in Wohngebäuden gerät das angrenzende Wohnumfeld vor allem in gewachsenen innerstädtischen Quartieren wieder in das Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit. In der Stadtentwicklung hat ein Umdenken eingesetzt, das über die Vermeidung und den Abbau baulicher Barrieren hinaus geht.


2. Barrierefreiheit für städtische Quartiere

„Barrierefreiheit“ ist ein aus verschiedenen Lebensbereichen vertrauter Begriff. Beispielsweise beinhaltet das Behindertengleichstellungsgesetz als Kernstück die „Barrierefreiheit“ (vgl. Abb. 1).

Hiervon ausgehend stellt sich für die Stadtentwicklungspolitik die Frage, ob und in welchem Maße „Stadtquartiere ohne Barrieren“ möglich sind.

3. Modellvorhaben „Barrierefreie Stadtquartiere“

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) haben im Jahr 2009 das Sondergutachten „Barrierefreie Stadtquar­tiere“ beauftragt. Das Sondergutachten wurde im Rahmen des ExWoSt-Forschungsfelds „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“ an die Bürogemeinschaft „raum+prozess kooperative Planung und Stadtentwicklung Hamburg und das Büro für integrierte Planung (BiP) Berlin“ vergeben.

Im Mittelpunkt des Sondergutachtens standen Lösungsansätze zur Überwindung von Barrieren im Stadtquartier, insbesondere mit den Handlungsschwerpunkten Freiräume/ Wohnumfeld und Gemeinschaftseinrich­tungen / Nichtwohngebäude. Hierbei ging es nicht um die Anwendung verschiedener technischer Regelwerke zum barrierefreien Bauen. Vielmehr zielte das Forschungsprojekt be­­wusst darauf ab, Sichtweisen und Alltagserfahrungen der Bewohnerinnen und Bewohner zu erkennen und mit ihnen Möglichkeiten zur Vermeidung und den Abbau von Barrieren im Quartier zu diskutieren. Hierbei wurden innovative Ansätze aus 20 Fallstudien einbezogen (vgl. Abb. 2).

Im Ergebnis der breit angelegten Kommunikation mit den Akteuren im Quartier sind zahlreiche erfolgversprechende Vorschläge entstanden. Davon wurden im ExWoSt-Forschungsfeld 9 Projekte erprobt (vgl. Abb. 3 bis 5).

Bei der Nutzung von Gemeinschaftseinrichtungen konnten Investitionen in Kommunikations- und Leitsystemen zum Abbau von Barrieren beitragen. Als Innovation erprobt wurde zudem in München ein Spezial-Gastro-Sonnenschirm mit lärmmindernder Bespannung (vgl. Foto 1).

In öffentlich zugänglichen Freiräumen wurden von den Bewohnerinnen und Bewohnern beispielsweise auch deutlich erkennbare Ausschilderungen gewünscht. Darüber hinaus war für die Nutzung von Freiräumen vor allem eine verbesserte Erreichbarkeit und Maßnahmen zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls im öffentlichen Raum, z.B. durch Verbesserung der Einsehbarkeit von Wegen, sauberen Plätzen, ruhigen Aufenthaltsbereichen in unmittelbarer Wohnungsnähe wichtig (vgl. Abb. 4).

Im Modellprojekt Kiel wurden beispielsweise die Eingangsbereiche zum Sport- und Begegnungspark durch gut sichtbare Informationstafeln erkennbar gemacht und damit vor allem die Außenwahrnehmung des Sportparks erhöht (vgl. Foto 2).

Die Aktivierung verschiedener Nutzergruppen auf Quartiersebene führte in den Modellprojekten gerade dann zum Erfolg, wenn Jung und Alt Verständnis füreinander aufbrachten. Barrieren wurden nicht von allen Akteursgruppen einheitlich und ausschließlich negativ bewertet, sondern auch mögliche positive Wirkungen erkannt. In Arnstadt-Ost war beispielsweise eine interaktive Wohngebietserkundung unter dem Motto „Barrieren finden und überwinden“, mitentscheidend für eine barrierefreie Umgestaltung (vgl. Abb. 5 und Foto 3).

Ausführliche Informationen zu den im ExWoSt-Forschungsfeld „Innovationen für Familien- und altengerechte Stadtquartiere“ vom Bund geförderten Modellprojekten und den Ergebnissen des Sondergutachtens „Barrierefreie Stadtquartiere“ sind im Internet unter www.stadtquartiere.de abrufbar.

4. Zusammenfassung „Barrierefreie Stadtquartiere“

Eine Bewertung der Barrieren auf Quartiers

ebene steht unmittelbar in Abhängigkeit zur Quartiersnutzung, die stark von den Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner ge­­prägt ist. Eine nutzerfreundliche Gestaltung städtischer Quartiere, die Vermeidung und Abbau hinderlicher Barrieren einschließt, setzt eine umfassende Kommunikation mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch sonstigen Nutzern im Quartier, voraus. Quartiersbezogene Strategien können helfen, typische Barrieren zu erkennen und gezielt zu beseitigen. In den Modellprojekten wurden von den Nutzern vielfältige Barrieren benannt, die als baulich und räumliche Barrieren und/ oder mentale und soziale Barrieren negativ auf die Bewohnerinnen und Bewohner im Quartier wirkten. (vgl. Abb. 6).

In der Praxis haben sich verschiedene Herangehensweisen herausgebildet, die von Einzelaktionen, z.B. Beseitigung störender Zäune, der Aufstellung von Bänken, bis hin zur schrittweisen Umsetzung von Quartierskonzepten zum Abbau von Barrieren reichen. Es gibt kein Patentrezept, welche Barrieren wann und in welcher Art und Weise im Wohnumfeld um -oder abzubauen sind.

5. Ausblick: Umbau städtischer Quartiere zum Abbau von Barrieren nutzen

Barrieren im Wohnumfeld zeigen sich in vielfältiger Art und Weise. Sie werden von den Nutzern in unterschiedlichem Maße als störend empfunden. Insofern bedarf die Beseitigung störender Barrieren eine objektive Bewertung, die zum einen alle Nutzer des Stadtquartiers im Blick hat, zum anderen flexibel auf sich ändernde Interessen und/oder Nutzerstrukturen reagieren kann. Werden Barrieren von größeren Nutzergruppen über längere Zeiträume hinweg als Hindernisse empfunden, kann dies sowohl zu sozialen Barrieren als auch zu negativen städtebaulichen Folgen führen, wenn z.B. Vandalismus beginnt, öffentliche Räume gemieden werden oder die Nachfrage zur Nutzung angrenzender Wohnungen und Infrastruktureinrichtungen nachlässt. Dies wiederum kann wirtschaftliche Folgen haben, z.B. Vermietungsschwierigkeiten oder auch Leerstand. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass Wohnungseigentümer auch ein Interesse an der Vermeidung und den Abbau von Barrieren im Wohnumfeld haben und Anknüpfungspunkte für ein gemeinsames, kooperatives Handeln denkbar sind.

In städtischen Quartieren bestimmen das Erscheinungsbild und die Nutzungsmöglichkeiten von Plätzen und Parkanlagen maßgeblich die Wertschätzung des öffentlichen Raums. Mit einer attraktiven und an den Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner orientierten barrierearmen Gestaltung des Wohnumfelds können Städte hier Zeichen setzen. Gleichwohl verlangt der Abbau von Barrieren als auch damit verbundene Folgekosten, z. B. für Pflege und Unterhaltung öffentlicher Räume und ihrer Infrastruktur, den Städten angesichts knapper Kassen oftmals viel Kreativität ab. Auch wenn im öffentlichen Stadtbild bauliche Barrieren oftmals deutlich sichtbar sind oder den Bewohnerinnen und Be­­wohnern genauestens bekannt sind, stehen Städte und Gemeinden auch vor der Herausforderung, soziale Barrieren frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen.

Eine integrierte Stadtentwicklungspolitik sollte sich künftig stärker als bisher mit der Frage des umfassenden Abbaus von Barrieren auseinandersetzen und bauliche Investitionen mit geeigneten, familien- und altersgerechten Angebotsstrukturen verbinden. Die Förderung des Abbaus von baulichen Barrieren im Wohnumfeld ist seit 2007 grundsätzlich in allem Gebietskulissen der Städtebauförderungsprogramme möglich (s. Präambel Pkt. III, VV StBau Fö v. 18.3.20011 und Praxisbeispiele unter www.staedtebaufoerderung.info). Werden z. B. städtische Quartiere umgebaut, kann dies mit dem Abbau vorhandener baulicher Barrieren im Wohnumfeld verbunden werden. Die Handlungsfelder können dabei sehr vielschichtig sein, vor allem wenn sich bauliche und soziale Barrieren überlagern. In den Gebietskulissen der Programme zum Stadtumbau und der Sozialen Stadt bietet das Instrumentarium integrierter, auf Fortschreibung angelegter Stadtentwicklungs-/Handlungskonzepte gute Anknüpfungspunkte, die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner und weiterer Gebietsakteure aufzunehmen, zu diskutieren und bei anstehenden Maßnahmen zum Umbau städtischer Quartiere zu berücksichtigen.

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