Lowtech-Strategien und nutzerzentrierter Betrieb

Zukunft-Bau-Projekte des BBSR untersuchen verschiedene Aspekte der Wechselwirkung zwischen Mensch, Technik und Umwelt.

Mensch-Technik-Umwelt-Beziehung

Die durch menschliches Handeln verursachte „planetare Krise“ ist eng mit einer technokratischen Weltsicht verknüpft, die die Natur zu einer beherrschbaren Ressource degradiert1. Technische Innovationen kompensieren im Kontext dieser Entwicklung nicht nur die biologischen Defizite des Menschen, sondern verbessern auch die Chancen sozialer Gruppen und ermöglichen die planmäßige Veränderung der Umwelt zu ihren Gunsten2. Die „Nachordnung ökologischer Risiken im technischen Handeln“ scheint dabei „ein Grundmuster der Mensch-Umwelt-Wechselbeziehung“ 3 zu sein.

Das Kollabieren komplexer technischer Anlagen wie in Seveso, Bhopal und Tschernobyl stehen stellvertretend für die Probleme einer uneingeschränkten Fortschritts- bzw. Technikgläubigkeit und war in den 1980er-Jahren verantwortlich für eine „Orientierungskrise im gesellschaftlichen Umgang mit Wissenschaft und Technik“4. Trotz der seit jeher risikobehafteten Beziehung zwischen Technik, Mensch und Umwelt hat diese Krise aber nicht dazu geführt, die Wirksamkeit technikzentrierter Strategien zur Lösung von Umwelt- und Ressourcenproblemen in Frage zu stellen. So verweist die Rebound-Forschung seit fast 40 Jahren auf die Grenzen technischer Konzepte, die eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs verfolgen. Sie fordert, die TechniknutzerInnen und deren Verhalten stärker zu berücksichtigen, um die Diskrepanz zwischen intendiertem Nutzen und dem faktischen Gebrauch von Technik zu minimieren.

Werkzeuge zur Klimakontrolle

Gebäude sind beispielhaft für die Entwicklung der Mensch-Technik-Umwelt Beziehung. Seitdem die Menschen sesshaft geworden sind, werden schützende Hüllen gebaut, um den Unbilden des Wetters zu trotzen. Traditionelle Architektur ist an die spezifischen regionalen Klimabedingungen angepasst und versucht, die zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal zu nutzen. So können die ersten Wohngebäude nicht nur als Werkzeug zur Klimakontrolle5, sondern auch als kleinste Wirtschaftseinheit (griechisch: oikos) betrachtet werden, deren optimale und nachhaltige Bewirtschaftung überlebenswichtig war. Nach Jahrtausende langer Nutzung von offenen Feuerstellen und Kachelöfen haben sich im Laufe der industriellen Revolution aber neue, an private oder öffentliche Infrastrukturen gebundene Versorgungstechniken verbreitet, die im Zusammenhang mit der fortschreitenden Technisierung des Alltags zu einer „Ent-Autarkisierung“6 der Gebäude geführt haben. Die daraus folgende Befreiung des Nutzers von einer selbsttätigen Ver- und Entsorgung führen bis heute zu einer Architektur, die sich weitestgehend von den traditionellen Prinzipien des Bauens emanzipiert hat. Die Entkopplung zwischen den Gebäudenutzern und den zum Betrieb notwendigen Ressourcen scheint ein wesentlicher Grund für den stark gestiegenen Energieverbrauch des Gebäudebereichs seit den 1950er-Jahren zu sein.

Konsequenzen für unsere Gebäude

Die Wechselwirkung zwischen Mensch, Technik und Umwelt wird im fachlichen Diskurs zum energieeffizienten Bauen in der Regel nachrangig betrachtet. Die stetig wachsenden Komfortansprüche der GebäudenutzerInnen und die zumeist technikfokussierten Effizienzstrategien scheinen die zunehmende Technikdependenz von Gebäuden weiterhin zu begünstigen. Hocheffiziente Bauweisen wie Niedrigst-, Passiv- oder Plusenergiehäuser zeigen aber, dass sie sogar sensibler auf das Verhalten ihrer NutzerInnen reagieren als es bei Bestandsgebäuden mit durchschnittlicher energetischer Qualität der Fall ist. Lowtech-Strategien setzen hingegen auf einfache, robuste, langlebige, klimaangepasste und benutzerfreundliche Bauweisen, die den unmittelbaren Bezug der NutzerInnen zum Gebäude als schützende Klimahülle wiederherstellen. Dabei können digitale Technologien die Interaktion zwischen Nutzer und Technik im Hinblick auf einen möglichst umwelt- und benutzerfreundlichen Betrieb unterstützen.

Vor diesem Hintergrund werden in drei laufenden Zukunft-Bau-Projekten des BBSR verschiedene Aspekte der Wechselwirkung zwischen Mensch, Technik und Umwelt untersucht.

Das Projekt „Entwicklung einer Strategie zur Unterstützung des Energieeinsparverhaltens von Nutzern in Büro- und Verwaltungsgebäuden“ testet zurzeit die browserbasierte Datenplattform „ComfortLab“ im Umweltministerium (BMU). Die MitarbeiterInnen und das Facility-Management werden fortlaufend über die wichtigsten Komfortparameter wie Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2-Konzentration sowie Vor- und Rücklauftemperaturen der Heizung informiert. Ziel ist ein nutzerzentrierter Gebäudebetrieb, für den im bisherigen Projektverlauf ein Einsparpotenzial von rund 20 % des Heizenergieverbrauchs nachgewiesen wurde.

Die Sondierungsstudie „Nutzerkomfort durch Lowtech-Konzepte in Gebäuden“ untersucht den Zusammenhang zwischen dem Technisierungsgrad eines Gebäudes und der Zufriedenheit der NutzerInnen. Wie Forschungsprojekte gezeigt haben, führt ein Übermaß an Klimatechnik nicht zwingend zu einem höheren Maß an Nutzerzufriedenheit. Ziel der Studie ist das Erstellen einer Bewertungsmatrix, die unterschiedliche technische Ausstattungskomponenten in Bezug zum daraus resultierenden, realen Nutzerkomfort stellt.

Ein drittes Zukunft-Bau-Projekt mit dem Titel „Robuste, nutzerfreundliche und kostengünstige TGA in Gebäuden“ untersucht, welche Komponenten der Technischen Gebäudeausstattung sich während ihrer Nutzung als besonders robust erweisen. Mithilfe einer umfangreichen Parameterstudie werden dabei simulierte Daten in Bezug zu realen Messdaten und Nutzerbefragungen aus verschiedenen Gebäuden gestellt. Ein übergreifender Austausch zwischen den Projekten wird über gemeinsame Projektbesprechungen gefördert. Darüber hinaus wird der Themenbereich durch Fachveranstaltungen auch öffentlich diskutiert:

Digital-hybrides Diskussionsforum „Simplexität – resilientes Bauen“ anlässlich der „Bau online 2021“ im STUDIO Bund in Berlin (https://vimeo.com/500959560).

Symposium „Lowtech im Gebäudebereich“ im Mai 2019 an der TU-Berlin (https://www.zukunftbau.de/neue-meldung/lowtech-im-gebaeudebereich-fachsymposium-tu-berlin-17052019). Eine zweite Auflage des Symposiums ist im Frühjahr des kommenden Jahres geplant.

Ziel des Diskurses ist es, die GebäudenutzerInnen stärker in den Fokus zu rücken und die gewonnenen Erkenntnisse in zukünftige Planungsprozesse einfließen zu lassen. Das Konzept eines nutzerzentrierten Betriebs von robusten, technikreduzierten Gebäuden bietet das Potenzial sowohl die Zufriedenheit der NutzerInnen zu erhöhen als auch die Umweltwirkung von Gebäuden zu reduzieren.

Quellen:
1 Scheidler: Die große Trennung, die Geburt der technokratischen Weltsicht und die pla netarische Krise, in „Blätter“ 04.2021
2 Geiger in Ropohl (Hrsg.): Erträge der interdisziplinären Technikforschung, 2001
3Geiger: Verhaltensökologie der Technik, 1998
4Grunwald: Technik für die Gesellschaft von morgen. Möglichkeiten und Grenzen der gesellschaftlichen Technikgestaltung, 2000
5 Banham: The Architecture of the Well-tempered Environment, 1969
6 Sieferle: Rückblick auf die Natur: eine Geschichte der Menschen und seiner Umwelt, 1997

Jörg Lammers

Bundesinstitut für Bau-, Stadt-und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) Referat WB 7 - Energieoptimiertes Bauen

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