Holzbau in neuer Dimension

Der neue Verwaltungssitz der Vorarlberger Illwerke AG ist in der beim Prototypen Lifecycle Tower (LCT) One bewährten, holzbasierten Elementbauweise realisiert worden. Die Vorteile des hybriden Bausystems sind auch für den mehrgeschossigen Wohnungsbau interessant.

Das österreichische Energieunternehmen produziert bereits seit 1930 umweltfreundlichen Strom aus Wasserkraft. Mit über 1300 Mitarbeitern, 10 Wasserkraftwerken, davon 4 Pumpspeicherkraftwerken, 4 großen Stauseen und 5 Speicherbecken zählt es zu den größten Stromproduzenten des Alpenraums. Mit dem 120 m langen, 16 m breiten und 21 m hohen Illwerke Zentrum Montafon (IZM), dessen Entwurfsplanung vom Architekten und Professor der TU München Hermann Kaufmann stammt, wurde mit rund 10.000 m² Nutzfläche eines der größten holzbasierten Gebäude Europas errichtet. Das Bauwerk dokumentiert die Qualitäten des zeitgemäßen Ingenieurholzbaus. Die grundsätzliche Maxime eines möglichst geringen Materialeinsatzes bei gleichzeitig hoher Funktionalität wurde auch beim IZM fortgeführt. Mit dem Holz-Beton-Hybridbausystem können mehrgeschossige Gebäude in verschiedenen (technischen) Ausführungen mit Bauhöhen bis zu 30 Stockwerken bzw. 100 Metern in vielfältigen Nutzungsvarianten realisiert werden.

Vorteile gegenüber konventionellen Bauten

Ein entscheidender Pluspunkt der LCT-Systembauweise ist die gegenüber konventionellen, rein mineralischen Bauweisen signifikant verkürzte Bauzeit. Dank CAD-Planung und computergesteuerter Abbundanlagen können die Holz-Beton-Verbundelemente millimetergenau vorproduziert werden. Mittels der passgenauen Elemente erfolgt der Aufbau zeitnah und mit gleichbleibend hohen Bauqualitäten, Fehlerpotenziale werden auf ein Minimum reduziert. Der mineralische Bau bewegt sich hier noch auf Zentimeterebene. Der Rohbau des IZM konnte, bedingt durch die fertig vorproduzierten Wand-, Boden- und Deckenelemente, innerhalb von nur sieben Wochen ab betoniertem Kellergeschoß errichtet werden. Dieser zukunftsweisende, hohe Vorfertigungsgrad plus die Verwendung des nachwachsenden Baustoffes Holz, die geringen Staub- und Lärmemissionen sowie die komplette Recyclingfähigkeit erfüllten den hohen Anspruch der Illwerke an ein nachhaltiges Bauwerk. Dabei standen nicht, wie sonst üblich, nur die reinen Baukosten im Mittelpunkt der Evaluierung. Christoph Dünser, Projektleiter des IZM, bringt den Anspruch der Nachhaltigkeit auf den ökonomischen Punkt: „Es ist nicht das Ziel von Hermann Kaufmann Architekten ZT GmbH einzig den günstigsten Baupreis je m² zu realisieren. Vielmehr geht es uns um die Gestaltung einer möglichst idealen Lebens- und Arbeitsumgebung unter dem Gesichtspunkt der Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Wesentlich sind für uns nicht immer nur die reinen Investitionskosten, sondern die Kosten die in Bezug auf die Lebensdauer eines Projekts verursacht werden.“

Positive CO2-Bilanz

Die gegenüber konventionellen, mineralischen Stahlbetonbauten vergleichbarer Größe um 90 % verbesserte CO2-Bilanz des IZM verdankt sich zuvorderst der verbauten Holzmenge von rund 3.000 Festmeter Holz, was 1.030 m³ massiven Holzes entspricht. Die im IZM insgesamt verbaute Holzmenge besitzt einen Kohlenstoffanteil, aus dem Holz zu 50 % besteht, von umgerechnet ca. 257,50 Tonnen, woraus eine CO2-Speicherung von über 944 Tonnen resultiert. In der positiven CO2-Bilanz sind zudem die Emissionen enthalten, die durch Herstellung, Transport, Einbau und Unterhalt in der mit 50 Jahren angesetzten Nutzungsdauer inklusive Demontage und Recycling der Materialien der Rohbaukonstruktion verursacht werden. Gemeinsam mit dem in die Höhe gebauten Prototypen LCT One belegt das IZM, welche Vielfalt an Möglichkeiten in Form und Funktion die Bauweise bereithält. Dabei kann die Bauherrschaft frei wählen: ob im Passivhaus-, Plus- oder Niedrigenergiestandard, ob als Büro-, Wohn- oder Gewerbeobjekt, ob horizontal oder vertikal ausgerichtet. Die LCT-Systembauweise hält ebenso ansprechende wie funktionierende Lösungen bereit, und das sowohl für den urbanen, als auch für den ländlichen Raum.

Multifunktionale Verbunddecken

Die eigens für den LCT entwickelten Holz-Beton-Verbundrippendecken bündeln ver­­­­schiedene Funktionen. Zwischen den Holzrippen der Deckenelemente integrierte man die multifunktionale Haus- und Systemtechnik. Die ebenfalls vorgefertigten Ins­tallationseinheiten umfassen neben den Heiz- und Kühlmodulen auch die Lüftungs-, Sprinkler- sowie die Beleuchtungssysteme, die einfach zugänglich sind. Den Aufbau des Fußbodens optimierte man schalltechnisch durch ein Doppelbodensystem, dessen offene Zwischenräume abschließend mit Beton vergossen wurden. Für den Brandfall wurden die Hybriddecken nach Eurocode (REI) 4-5 bemessen. Beim Brandschutz steht insbesondere das unverkleidete Holz im Tragwerk im Fokus. Laut Vorschrift liegt hier eine immobile Brandlast vor, die ein erhöhtes Brandrisiko darstellt. Diesem begegnete Cree mit dem Einbau von Sprinklern und Brandmeldern in den Büros und Flurbereichen. Damit erfüllen die Hybriddecken sämtliche Anforderungen an Brandschutz, Akustik, Tragfähigkeit und Optik.

Holz als idealer Baustoff

Die von Hermann Kaufmann stringent durchchoreografierte, regelmäßige Rasterung der Fassade ist in den Proportionen ausgewogen und sparsam. Seinem grundlegenden Ansinnen, industrielle Baukultur mit holzbaulicher Tradition und Fachwissen zu verbinden, ist er auch beim IZM treu geblieben. Der Vorarlberger Architekt verfolgt eine langfristige Entwurfs- und Planungsstrategie: „Schon lange arbeiten wir daran, unseren vor der Tür durch die Sonne produzierten Baustoff von den Vorurteilen zu befreien und zu seinem Recht als dem idealen Baustoff der Zukunft zu verhelfen. Wiederum ein Beispiel dafür liefert das neue Illwerke-Zentrum in Rodund, das auch ein Beweis dafür ist, dass nachhaltiges Bauen und Architekturqualität kein Widerspruch ist.“ Die schon beim LCT One bewährte Partnerschaft zwischen Hermann Kaufmann und der das Bauvorhaben umsetzenden Cree GmbH, einer Tochtergesellschaft der Rhomberg Gruppe, wurde auch beim IZM weitergeführt. Dabei fungierte die Cree GmbH als Generalübernehmer, die das Konzept für das IZM gemeinsam mit dem Architektenteam erfolgreich umgesetzt hat. Die horizontal ausgerichtete Skelettkonstruktion wird von Holz und Glas determiniert. Gemeinsam präfabrizieren sie ein den gesamten Gebäudekörper durchlaufendes, ungestörtes Raster mit einer strengen, horizontalen und vertikalen Symmetrie. Auskragende, in Kupferbleche eingefasste Geschossplatten kreieren einen herrschaftlichen Charakter. Zugleich bieten sie als Vordächer für die vertikal gegliederte Eichenholz-Wechselfalzschalung einen konstruktiven Holzschutz, die den Gebäudekörper auf jeder Geschossebene unterhalb der Fensterbrüstung kultiviert umsäumt.

Schwebende Leichtigkeit

Das IZM wird seiner Größe zum Trotz von einer gewissen Leichtigkeit getragen, die durch das scheinbare Schweben von ¼ des länglichen Gebäudekörpers, der 30 m über den Pumpspeichersee hinausragt, erzeugt wird. Gleichwohl wird das ‚schwebende‘ Gebäude von wasserdichten Betonsäulen getragen, die unter der Wasseroberfläche verschwinden, wenn der Pumpspeichersee voll ist. Der hybride Fünfgeschosser ruht auf einem Kellerfundament aus Stahlbeton. Ebenfalls aus Stahlbeton bestehen die zwei rückseitig nach außen tretenden, mit gelochten Kupferblechen verkleideten Erschließungskerne, die sich dadurch dezent vom Gebäudekörper absetzen. Sie beherbergen jeweils unauffällige Aufzüge und auffällig großzügige und helle Treppenhäuser, die zur Bewegung und Begegnung einladen und eine Art erweiterten Sozialraum der Büroetagen bilden. Dieses Prinzip barrierefreier Kommunikationsareale findet auf den Etagen eine konsequente Fortsetzung. Die Treppenhäuser münden in offene Sozialbereiche mit Sitzgruppen und Teeküchen, die abteilungsübergreifend genutzt werden und Raum für Austausch und Diskussion bieten. Die Übergänge in die einzelnen Fachressorts verlaufen fließend. Dort folgen auf große Planungstische z.B. ruhige Besprechungsnischen oder leicht eingefasste Gruppenbereiche. Für sämtliche Arbeiten und Gewerke werden die den Bedürfnissen entsprechenden Raumkonzeptionen bereitgehalten, die innerhalb eines definierten Rahmens individuelle Entfaltung nicht nur ermöglichen, sondern befördern.

Vielfältige Raumdesigns

Mit dem Bau des IZM am Standort Rodund beschreiten die Illwerke gleich mehrere neue Wege: architektonisch, strukturell und kulturell. Rund 270 Mitarbeiter, darunter der komplette Planungsstab, interagieren seit November in offen konzipierten Arbeitsbereichen. Klassisch eingekapselte, einer strengen Hierarchie folgende Einzelbüros bilden fortan nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme. Auch die Führungskräfte sind unmittelbar in den zeitgemäßen Planungs- und Projektierungsprozess ihrer Teams ohne räumliche Trennung in flachen Hierarchien integriert. Das vom Münchner Unternehmen Macon entwickelte, trennwandfreie Raumkonzept hebt sich bewusst von den viel kritisierten Großraumbüros ab. Die im IZM realisierte „Open-Office-Philosophie“ stellt dem einzelnen Menschen die gleiche Arbeitsfläche zur Verfügung wie in Einzelbüros. Der durch den Wegfall der Trennwände gewonnene Raum wird für offene, individuell konzipierte Sozialbereiche genutzt, die die Mitarbeiter sich in Eigenregie haben gestalten und möblieren dürfen. Da die Lastabtragung über die Außenwände und die Erschließungskerne erfolgt, können die Räume und Grundrisse, auch bei etwaigen Wohneinheiten, mit nicht tragenden Leichtbauwänden individuell gestaltet werden. Die Büroetagen warten mit einer behaglichen Raumatmosphäre auf, die Privatheit ausstrahlt und auch in Geschoßwohnungen zum tragen kommen könnte. Diese wird neben den sichtoffenen, tragenden Holzdoppelstützen und den umlaufenden Einbauschränken aus furnierter Eiche auch von den mit insgesamt 100 km Holzlamellen verkleideten Decken generiert, die aus 76 t heimischen Tannen- und Fichtenhölzern hergestellt wurden. Komplettiert wird die stimmige Innenarchitektur durch einen ungestörten Rundumblick in die prächtige Bergwelt, die die großzügig dimensionierten, 3-fach verglasten Holzfenster ermöglichen.

Passivhausstandard & lokale Energieversorgung

Die Gebäudetechnik verfügt über eine automatisch geregelte Jalousiensteuerung sowie eine präsenzabhängige, individuell steuerbare und sparsame LED-Beleuchtung. Eine vollautomatisierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und permanenter CO2-Messung zur Volumenstromregelung komplettiert die integrierte Haussystemtechnik. Zudem werden die Gebäude-Verbrauchswerte über ein Energieverbrauchs-Monitoring erfasst und dokumentiert. Das energetische Versorgungskonzept basiert auf einer Luft-Wasser-Wärmepumpe, die die Niedrigenergie-Flächenheizung und –kühlung speist und mit einer geringen Vorlauftemperatur von ca. 35 Grad Celsius arbeitet. Dabei wird die Abwärme des Kraftwerks Rodund 1 genutzt, wobei die sommerliche Kühlung durch Wasser aus einem Hochbehälter, der bereits zur Kühlung eines Kraftwerks genutzt wird, erfolgt. Das IZM, dessen Kosten rund 30 Mio. Euro (brutto) betrugen, erreicht Passivhausstandard und erfüllt die Kriterien als erstes, sogenanntes „Green Building“ dieser Größenordnung im Holzbauland Vorarlberg. Zudem wurde das Bauwerk aus dem nachwachsenden Baustoff Holz mit regionaler Wertschöpfung erstellt und damit auch die Lokale Agenda 21 (Global denken – Lokal handeln) erfüllt. Denn über die Hälfte der Bauleistung konnte mit Vorarlberger Unternehmen und lokalen Produzenten umgesetzt werden, die die Einzelteile, wie z.B. die Wand- und Deckenelemente, vorgefertigt und Just-in-Time auf der Baustelle anlieferten. Und auch das verbaute Holz stammt zu zwei Dritteln aus Vorarlberg bzw. dem Montafon, und zu einem Drittel aus dem süddeutschen Sprachraum.

Ein entscheidender Pluspunkt der LCT-Systembauweise ist die ­gegenüber konventionellen, rein mineralischen Bauweisen signifikant verkürzte Bauzeit.

Die gegenüber konventionellen, mineralischen Stahlbetonbauten vergleichbarer Größe um 90 % verbesserte CO2-Bilanz des IZM verdankt sich zuvorderst der verbauten Holzmenge.

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