Fluch oder Segen?

Innenraumdämmung in der Praxis: In unserem Gespräch mit Prof. Georg Sahner sind wir Schritt für Schritt die Vorteile einer umgesetzten Innenraumdämmung für die NUWOG in Neu-Ulm durchgegangen, aber auch die Schwierigkeiten, die in der Verarbeitung der Materialien liegen. Die Kosten stellen eine weitere Restriktion dar.

Sie haben für die Wohnungsgesellschaft NUWOG in Neu-Ulm eine Innenraumdämmung in der Sanierung umgesetzt (BundesBauBlatt 6/2008). Warum musste bei diesem Objekt dieser Weg eingeschlagen werden?

Sahner: Es musste nicht unbedingt bei diesem Projekt die Innenraumdämmung ausgeführt werden. Nur der Bauherr hat Wärmedämmverbundsysteme aus ökologischen Gründen abgelehnt. Daher war die Vorgabe eine Alternative zu finden, um den geforderten EnEV -50 Standard zu erreichen.

Das Problem, was sich bei den sehr starken Dämmungen stellt, ist die Frage nach der Ästhetik. Die Gebäude sind entworfen worden ohne diese dicken Dämmungen und da stellt sich dann die Frage, wie man das Gebäude verändert. Ich glaube, dass es vor allem im Altbaubereich eine große Zahl von Bauwerken gibt, wo man WDVS gar nicht machen sollte.

Wie dick war bei diesem Objekt die Innenraum­däm­mung?

Sahner: Allgemein kann man sagen, dass es eine Frage der intelligenten Gebäudekonzeption ist. Wenn wir heute hingehen und ein Gebäude mit einem Passivhausdach versehen und die Möglichkeit nutzen, die Kellerdecke entsprechend einer Passivhausvorgabe zu dämmen, dann sind natürlich die Anforderungen an die Außenwand wesentlich geringer als wenn man diese Möglichkeit nicht hat.

Was wir gemacht haben ist, das wir auf das Gebäude ein Passivhaus, ein Penthouse, gesetzt haben. Die Kellerdecke wurde sehr, sehr intensiv gedämmt, so dass dann die eigentlichen Anforderungen an die Außenwand vergleichsweise bescheiden waren. Die montierte Innenraumdämmung lag letztendlich im Bereich von 14 cm, das Äquivalent einer Außendämmung wäre bei 10 cm gewesen.

 

Wie ging das Wohnungsunternehmen mit den Sanierungsmaßnahmen der Innenraum­dämmung um?

Sahner: Zum einen wurde den Mietern ein vorübergehenden Umzug angeboten, da die Wohnungen für die Maßnahmen der Innenraumdämmung leer sein müssen. Darüber hinaus wurden die Grundrissstrukturen geändert. Der Wohnraum war ursprünglich zur Straße im Nordosten orientiert und die Nebenräume nach Südwesten. Nach heutigem Standard haben wir den Grundriss gedreht und das Gebäude im Südwesten mit Loggien ergänzt. Eine Art Kompensation für den Wohnraum, den man durch die Innenraumdämmung verliert, wobei dieser Verlust an Innenraum gar nicht so groß ist. Bei einem Raum von 3 x 3,5 m ist das ein halber m². Erst stellt man sich das viel schlimmer vor als es tatsächlich ist.

 

Müssen die Mieter bei der Benutzung dieser Räume besondere Vorgaben beachten?

Sahner: Nein, müssen sie nicht. Wir haben die Innenraumdämmung so installiert, dass wir sie auf die Außenwand aufmontiert und dann eine Dampfsperre vorgesehen haben. Vor die Dampfsperre kam dann eine Konstruktion, in der die Installationsführung stattfindet. Und in dieser Installationsebene, die haben wir natürlich auch gedämmt, kann man jetzt ganz frei verfahren, also Bilder aufhängen, Schränke aufhängen, Kabel verlegen.

 

In Deutschland gibt es durchaus Vorbehalte gegen die Innenraumdämmung. Ist das eine Konstruktionsfrage betreffend der Bauphysik oder gibt es andere Vorbehalte?

Sahner: Gut, grundsätzlich ist es so, dass die Außendämmung natürlich wesentlich wärmebrückenfreier hergestellt werden kann. Eine Innenraumdämmung, die einzubindende Wände und Decken hat, benötigt eine Flankendämmung. Diese Flankendämmung ist mit 4 cm nicht so dick wie die vergleichbare 14 cm Außenwanddämmung. Sie wird aber hineingeführt, etwa 50 cm in den Raum. Das gibt den Räumen an sich eine sehr schöne Ausprägung, weil man das Gefühl hat, dass die Fensterfront dadurch überhöht wird. Aber sie ist natürlich da und diese Dampfbrücke existiert auch. Man muss sie berechnen und muss natürlich auch den Taupunkt der Wand berechnen. Es ist einfach bauphysikalisch eine aufwendigere Konstruktion. Dafür hat man dann aber eben den Vorteil, dass man im Bereich der Außenwand natürlich die Proportion und die Gestaltung der alten Wand behalten kann.

Darüber hinaus hat man den großen Vorteil, bei einer Innenraumdämmung auf die sehr ästhetischen Kastenfenster zu gehen, also schlank profilierten Außen- und Innenfenster.

Welche weitere Vorteile sehen Sie bei der Innenraumdämmung?

Sahner: Wir haben hier den Vorteil, dass variierende Dämmstärken eingesetzt werden können. So kann eine Art Harmonisierung der Energieverbräuche der Räume und der Wohnungen hergestellt werden. Ein Geschoss wird mit 14 cm gedämmt und in Räumen, die umgeben sind von anderen warmen Räumen, dämmt man eben dann mit 8 cm. Das kann man bei einer Außendämmung nicht. Bei einer Außendämmung muss man mit einer Dämmstärke durcharbeiten und dann hat man eben Räume mit sehr geringen Wärmelasten und Räume mit sehr hohen Wärmelasten.

Ein anderer großer Vorteil der Innenraumdämmung ist natürlich der, dass man sukzessive ein Gebäude von innen heraus sanieren und verändern kann. Man kann bei Mieterwechseln Stück für Stück, Wohnung für Wohnung die Maßnahmen durchführen.

 

Gibt es Materialien, die Sie besonders gerne oder ausschließlich bei der Innenraumdämmung einsetzen?

Sahner: Bei der NUWOG gab es eine sehr starke Kostenvorgabe und keine großen Spielräume. Wir haben uns damals mit einer Herstellerfirma zusammengesetzt und ein Dämmsystem gesucht, das vollflächig auf die Wand aufmontiert werden kann. So eine Art Wärmedämmverbundsystem für Innenräume, um flächendeckend schnell und einfach eine Dampfsperre aufbringen zu können, vor die dann die Unterkonstruktion gesetzt wurde. In diesem Fall war es Gipskarton in leichter Bauweise und das war extrem preiswert. Andere Konstruktionen wie die Sandwichpaneele funktionieren in der Fläche gut, werden aber durch die Anschlüsse teuer.

Ein Innensystem ist prinzipiell schon etwas teurer als ein Außensystem, aber erstaunlicherweise war es bei unseren Projekten so, dass die Kastenfenster preisgleich waren mit den Passivhausfenstern in der Ausschreibung. So kann man sich bei der Baukostengestaltung irren.

 

Wie sind die Handwerker mit dieser Konstruktion klar ­gekommen ?

Sahner: Gut, sehr gut. Das liegt auch daran, dass die Firmen es heute gewohnt sind, Schulungen durchzuführen, dem Handwerker zu zeigen, wie man es macht.

 

Sind weitere Maßnahmen durchgeführt worden, um Wärmebrücken zu minimieren?

Sahner: Speziell bei der NUWOG ist außen ein Wärmedämmputz im Bereich von 40 bis 50 mm aufgebracht worden, um die Wärmebrücken noch mal zu reduzieren. Da dieser ökologisch sein sollte, haben wir ihn mit Perlite-Zuschlägen ausgeführt. Es gab sehr viele Probleme bei der Verar­beitung dieses Putzes, weil die Perlite sehr aggressiv ware und uns die Schläuche serienweise ruiniert hat. Gerade was alternative Dämmsysteme und Putze angeht, gibt es meiner Meinung nach noch sehr viel zu entwickeln. Da sind wir noch ganz am Anfang.

 

Dämmvarianten, die in Forschungsprojekten untersucht werden, sind die VIPs, Vakuum-Isolations-Paneele. Haben Sie selber mit diesem System schon mal gearbeitet?

Sahner: Grundsätzlich wollten wir immer die VIPs einsetzen. Gescheitert ist der Einsatz immer wieder an den hohen Preisen. Das ist einfach das Riesenproblem. Man müsste einen Weg fin­­den, sie billiger produzieren zu können, da das VIP sehr große Vorteile im schwellenfreien Übergang in Terrassenbereichen hat.

Es scheitert wirklich an diesem sehr, sehr großen Preisunterschied. Es scheitert nicht an dem Paneel, nicht an den Eigenschaften und nicht an der Ge­­währleistung des Vakuums.

 

Herr Prof. Sahner, herzlichen Dank für das Gespräch.

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