Denkmalschutz

Dachhüter

Walzblei wird nicht nur zur Eindeckung von Kirchen oder Rathäusern eingesetzt, sondern auch, um Kamine, Gauben und Dachfenster abzudichten. Bei korrekter Verarbeitung von Walzblei können die erneuerten Elemente weitere Jahrhunderte überdauern.

Die Denkmalpflege historischer Gebäude bewegt sich in einem starken Spannungsfeld. Einerseits soll die historische Substanz möglichst lange erhalten werden, dazu gehört es auch, sie kontrolliert altern zu lassen. Denn die Aussagekraft des Denkmals ist in großen Teilen gerade an seine materielle Substanz gebunden. Andererseits dürfen marode Einzelelemente keinen tiefgreifenden Schaden am gesamten Komplex verursachen, der zum Ruin des Bauwerks führen würde. Wird ein Dach undicht, muss es erneuert werden – Denkmalschutz hin oder her. Dasselbe gilt für Gesimse, Mauerabdeckungen oder Fugenabdichtungen. Allerdings steht bei sämtlichen Sanierungsmaßnahmen die unverfälschte Optik im Vordergrund. Diese wird bei Kirchen oder anderen historisch bedeutenden Gebäuden oft durch Bleidächer geprägt.

So weich wie Gold

Blei ist schwer und gut formbar. Mehr noch: Die natürliche Patina wirkt wie ein Korrosionsschutz, der nicht nur widrigsten Witterungsbedingungen, sondern auch schwefeligen Rauchgasen im Kaminbereich trotzt. Aufgrund seiner Geschmeidigkeit kann Blei mit einfachen Mitteln bearbeitet werden. Selbst komplizierte Dachkonstruktionen oder schwierige Details lassen sich damit zuverlässig und langfristig abdichten. Blei eignet sich daher bestens zur originalgetreuen Wiederherstellung oder Konservierung von Baudenkmalen. Übrigens: Mit 2,5 mm starken Walzbleiblechen eingedeckte Dächer sind gar nicht so schwer, wie man vermutet. Ihr Gewicht ist mit dem eines Schieferdaches vergleichbar.

Obwohl sich das Material durch eine äußerst hohe Lebensdauer auszeichnet, sind viele alte Konstruktionen marode. Dies liegt an ihrer altertümlichen Bleirezeptur. Anders als heute wurde Blei früher nicht legiert, wodurch das Material spröder ist und reißt. Moderne Bleibleche wie das Saturnblei des Krefelder Herstellers Röhr + Stolberg bestehen aus Kupferhüttenblei mit einem Kupferanteil von 0,04 bis 0,05 % und einem Zinnanteil von maximal 0,05 %, wodurch die mechanischen Eigenschaften sowie der Korrosionswiderstand verbessert werden.

Unschlagbare Nachhaltigkeit

Wenn der Werkstoff korrekt verarbeitet wird, hat er gute Chancen, das Gebäude zu überleben. Allein aufgrund seiner Witterungsbeständigkeit besitzt Blei eine sehr hohe Lebensdauer. Zusätzlich zeichnen sich Dacheindeckungen aus Walzblei dank ihrer typischen Patina über viele Jahrzehnte durch eine dauerhaft ansprechende Ästhetik aus. Wenn Bauteile dennoch saniert werden müssen, kann Altblei aus Rückbauten oder Sanierungsobjekten nahezu unbegrenzt wiederverwertet werden: Walzblei hat eine Recyclingquote von rund 95 %. Ein weiteres Plus für die Umwelt ist der geringe Schmelzpunkt des Elements. Es kann bei nur 327° C eingeschmolzen werden. Um diese Temperatur zu erreichen, muss relativ wenig CO2 freigesetzt werden, was dem Klimaschutz dient. Bei dem Recyclingprozess entsteht aus wiederverwerteten Bleiprodukten wie Eindeckungen oder Rohrleitungen hochreines Blei, das keinerlei Qualitätseinbußen im Vergleich zu neuem Walzblei zeigt. Damit stellt sich der Werkstoff als einzigartiges Beispiel für ein nachhaltiges Produkt dar, dessen sichere und andauernde Nutzung sich über Jahrhunderte hinweg bewährt hat.

Raum für Entfaltung: Blei braucht Platz

Kein historisches Gebäude hält sich an DIN-Maße – hier kann Blei seine Vorteile voll ausspielen: Bleischare werden vor Ort bedarfsgerecht zugeschnitten und an geschwungene Formen von Kirchturmdächern oder Ziergiebeln sowie durchstoßene Dachhäute mit traditionellen Treib- und Klopfwerkzeugen angeformt. Die klassische Kombination aus Haft und Falz bietet große Stabilität, erlaubt es dem Material aber dennoch, sich auszudehnen. Dies ist unbedingt notwendig, denn jedes Bleiblech wächst bei einem Temperaturanstieg um 100° C um 3 mm/m. Diese Temperatur wird an heißen Sommertagen auf Dächern leicht erreicht und überschritten – im nordischen Bremen ebenso wie im südlichen Freiburg. Verarbeitungsfehler führen zu Materialermüdung und Spannungsrissen. Hier kann Feuchtigkeit in die Dachhaut eindringen und die gesamte Konstruktion sowie die Rückseite des Bleiblechs schädigen.

Maximale Sicherheit bei hohem Windsog

Viele Klimamodelle sagen für die Zukunft deutlich stärkere Herbst- und Winterstürme voraus. Vor diesem Hintergrund müssen Dächer und Fassaden höheren Windsoglasten standhalten. Besonders gefährdet sind Flächen in windexponierter Lage von Dächern mit einer Neigung bis 35 Grad. An Kirchtürmen, Kuppeln und anderen vorstehenden Gebäudeteilen drohen bei Sturm ebenfalls Schäden. Richtig verarbeitet, trotzt Walzblei an Dach und Fassade selbst starken Stürmen. Ob Baudenkmal oder Neubau – Walzblei ist das schwerste Baumetall, das sich manuell bearbeiten und in nahezu jede Form bringen lässt. Damit bietet es auch einen zuverlässigen Witterungsschutz. Dennoch empfiehlt es sich, sturmanfällige Stellen alle fünf Jahre zu warten. Treten mehrere Starkstürme kurz nacheinander auf, ist zur Sicherheit eine Ex­trakontrolle sinnvoll.

Mauern, Gesimse und Fugen

Der Zahn der Zeit nagt bei vielen historischen Gebäuden an Mauern und Giebeln – also am Stein. Abdeckungen mit Walzblei schützen vor Witterungsbedingungen, geben Halt und bremsen so den Verfall. In Hannoversch Münden haben Wind und Wetter die Fugen der 400 Jahre alten Natursteingiebel ausgewaschen. Um dem Einhalt zu gebieten, wurden zwei von drei Ziergiebeln mit 800 kg Walzblei verkleidet. Die Herausforderung im Sinne der Denkmalpflege bestand darin, die Formen so unauffällig wie möglich nachzuvollziehen. Die blaugraue Farbe von Walzblei sowie seine präzise Verformbarkeit kamen dem perfekt entgegen. Ein beidseitiger Mate-rialüberhang lässt Regenwasser in einigem Abstand abtropfen, sodass die Korrosion nicht voranschreitet.

Häufiger als die Mauersteine historischer Bauwerke nehmen die Fugen Schaden, gerade an Türmen und den Übergängen zwischen Dach und Mauerwerk. Sind sie erst angegriffen, haben Feuchtigkeit und Frost leichtes Spiel. Wird dagegen Bleiwolle in den Fugen verstemmt, sind sie für Jahrhunderte dicht. Bei jedem anderen Material müssen sie regelmäßig gewartet und gegebenenfalls saniert werden. Fugen aus Bleiwolle sind sehr langlebig und passen sich auch nach der Verarbeitung problemlos den Bewegungen der umgebenen Materialien an. Wie bei allen Bleiprodukten gilt: Die Verarbeitung ist relativ aufwendig, das Ergebnis dafür umso haltbarer.

Die natürliche Patina von Blei wirkt wie ein Korrosionsschutz.

Wird Bleiwolle in den Fugen verstemmt, sind sie für Jahrhunderte dicht.

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