Gütesiegel für die Nachhaltigkeitsbewertung von Ein- bis Zweifamilienwohnhäuser

Umweltbewusstes Wohnen

Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden

Mit dem britischen Bewertungssystem BREEAM und der amerikanische Methode LEED wurden in den 90er Jahren die ersten Nachhaltigkeitsinstrumente entwickelt. In Deutschland kamen im Jahr 2009 mit dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und dem DGNB Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) Gütesiegel auf den Markt, die im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden nicht nur schwerpunktmäßig die Ökologie und Energieeffizienz von Gebäuden bewerten, sondern einen neuen ganzheitlichen und lebenszyklusorientierten Bewertungsansatz verfolgen.

Bislang wurden in Deutschland vorrangig größere Gebäude, wie Bürobauten, Schulen, Industriegebäude oder Wohnungsbauten ab sechs Wohneinheiten beurteilt. Ein- und Zweifamilienhäuser wurden hierbei nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl diese mit durchschnittlich 110.000 neuen Einheiten pro Jahr und 45 % am Wohnungsneubauvolumen einen hohen Anteil am Bausektor einnehmen (Statistisches Bundesamt 2014). Im Rahmen eines von der im BMUB angesiedelten Stiftung Bauen und Wohnen geförderten Forschungsprojekts wurde nun gemeinsam von der Hochschule München und dem Ingenieurbüro Hauser ein Kriterienkatalog für Kleinwohnhausbauten entwickelt und anschließend mit Unterstützung zahlreicher Akteure aus der Praxis in einer Pilotphase am Markt erprobt.

Warum Ein- und Zweifamilienwohnhäuser?

Die aktuelle Zahl der Bewertungen von Wohngebäuden mit der BREEAM Methode „Code for Sustainable Homes“ beläuft sich aktuell auf rund 462.500 Wohneinheiten. Diese hohe Zahl resultiert daher, dass die britische Regierung bereits 2008 die Bewertung von Wohnungen gesetzlich verankert hat (BREEAM 2015). Auch beim Gütesiegel LEED mit 14.900 zertifizierten Wohneinheiten oder beim Schweizer Label Minergie mit 17.850 ausgezeichneten Ein- und Zweifamilienwohn­häusern steigen die Zahlen kontinuierlich (USGBC 2015; Minergie 2015).

In Deutschland können Wohngebäude derzeit mit dem Qualitätssiegel Nachhaltiger Wohnungsbau (NaWoh) beurteilt werden, das Bauten ab sechs Wohneinheiten bewertet, oder mit Systemvarianten der DGNB. Diese sind relativ komplex und eignen sich nur für größere Wohnanlagen. Für Ein- bis Zweifamilienwohnhäuser ist jedoch ein kostengünstiger und einfacher Kriterienkatalog erforderlich, der von jedem Bauherr nachvollziehbar ist und die Nachhaltigkeit auch bei kleinen Wohnhausbauten ganzheitlich fördert.

Kriterienkatalog für nachhaltige Kleinwohnhausbauten

Grundlage des Systems für Ein- und Zweifamilienhäuser bildet ein Bewertungskatalog mit insgesamt 18 Kriterien. Hierbei wurde auf die Systematik des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen (BNB) zurückgegriffen. Die Kriterien gliedern sich in vier Kategorien, die gleichwertig zueinander mit einer Gewichtung von 25 % zum Gesamtergebnis beitragen. Zu nennen sind die „Soziokulturelle und funktionale Qualität“, die „Ökonomische Qualität“, die „Ökologische Qualität“ und die „Prozessqualität“.

Soziokulturelle und funktionale Qualität

Da bei der Nachhaltigkeit von kleinen Wohngebäuden die sozialen Aspekte eine wichtige Rolle einnehmen, steht im Gegensatz zu bisherigen Gebäudearten anstatt der ökologischen Säule die „Soziokulturelle und funktionale Qualität“ an erster Stelle. Bewertet werden die Wohnqualität, die Behaglichkeit, die Sicherheit und die Anpassungsfähigkeit des Wohngebäudes. Die Behaglichkeit wird durch bauphysikalische Messungen und Berechnungen zum thermischen, akustischen und visuellen Komfort und durch die Innenraumhygiene ausgewiesen. Der Einbezug von sicherheitsrelevanten Themen und die Berücksichtigung von Grundsätzen des barrierefreien Bauens und der Bedienfreundlichkeit der Haustechnik erhöhen die Wohnqualität des Gebäudes.

Ökonomische Qualität

Die Berechnung von ausgewählten Kosten im Lebenszyklus und die Zukunftsfähigkeit des Gebäudes bilden die „Ökonomische Qualität“ ab. Grundlage der Lebenszykluskosten ist die Kostenberechnung nach DIN 276 „Kostenplanung im Hochbau“. Der Aspekt der Zukunftsfähigkeit setzt sich aus dem Bewertungsergebnis verschiedener Kriterien zusammen, wie der Barrierefreiheit, des sommerlichen Wärmeschutzes, sowie durch die Unterschreitung der Anforderungen der Energieeinsparverordnung, der Nutzungsneutralität von Räumen und der Einweisung des Bauherrn zu Themen des Werterhalts.

Ökologische Qualität

Zur Bewertung der „Ökologischen Qualität“ von Ein- und Zweifamilienwohnhäusern wird die Durchführung einer Ökobilanz gefordert. Diese erfolgt auf Basis des Onlinebilanzierungstools eLCA des BMUB und des BBSR (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung). Der Primärenergiebedarf und das Treibhauspotential stellen die wichtigsten Eckfeiler der Ökobilanzierung dar, die den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes betrachtet und neben der Baukonstruktion nun erstmalig die Gebäudetechnik mit bilanziert. Des Weiteren werden Aspekte, wie die Recyclingfähigkeit, der Einsatz von einheimischem oder zertifiziertem Holz, die Minimierung des Trinkwasserverbrauchs und die Flächenausnutzung zur Vermeidung der Flächenversieglung beurteilt.

Prozessqualität

Die Qualitätssicherung der Planung, Umsetzung und Dokumentation von Ein- und Zweifamilienhäusern und die Anfertigung einer Gebäudeakte mit Nutzerhandbuch ist das Hauptziel der „Prozessqualität“. In der Gebäudeakte sind die aktuellen Pläne, Ausweise, Messberichte, Sicherheitszertifikate, Datenblätter, Pflegeanleitungen und alle Dokumente zum Betrieb und Erhalt des Gebäudes zusammengefasst. Ein weiteres Merkmal der Prozessqualität stellt die Qualitätskontrolle während des Bauprozesses durch einen externen Gutachter dar.

Pilotprojekte

Im Rahmen einer Pilotphase wurde zusammen mit Bauherren, Bauträgern, Projektsteuerern, Architekten und Ingenieuren der Kriterienkatalog validiert und das Bewertungssystem anhand realer Ein- und Zweifamilienhäuser angewendet. Insgesamt haben 24 Projekte an der Testphase teilgenommen. Darunter befinden sich 17 Einfamilienhäuser, ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung, eine Doppelhaushälfte, vier Reihenhauseinheiten sowie ein Haus mit zwei Wohneinheiten über einer Ladeneinheit. Die ersten zwölf Projekte wurden nun im Rahmen der Messe Bau 2015 ausgezeichnet. Die Ergebnisse der Zertifizierung werden mit Noten, als auch mit Prozentangaben dargestellt und reichen von  61,73 (Note 2,2) bis 85,1 Prozent (Note 1,3).

Ausblick

Aktuell wird der Kriterienkatalog auf Basis der Ergebnisse der Pilotphase überarbeitet und steht ab April 2015 als einfaches und kostengünstiges Bewertungssystem dem Markt zur Verfügung. Die Bewertung wird zukünftig von baubegleitenden „Nachhaltigkeitskoordinatoren“ durchgeführt, die eine Zusatzausbildung im Bereich des nachhaltigen Bauens absolviert haben. Im nächsten Schritt soll eine Onlineplattform entwickelt werden, um die Dokumentation für die Gebäude weiter zu vereinfachen. Neben der Ausweitung des Systems auf Fünffamilienwohnhäuser, ist auch eine zu­­künftige Bewertung der Sanierung von Be­­­standswohngebäuden denkbar.

Die Qualität eines Zertifikates soll über eine unabhängige Instanz sichergestellt werden, die die Bewertungen überprüft und Ausbildung der Koordinatoren übernimmt. Geprüft wird zur Zeit, inwiefern seitens  der KfW Bankengruppe, die Beurteilung der Nachhaltigkeit im Wohnungsbau in die Förderung einbezogen werden kann.

Weiter Informationen: Hochschule München, Institut für Bauklimatik, Tel.: 089 1265-2423

Natalie Eßig, Sara Lindner, Loni Siegmund

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