Nachgefragt

Ein Projekt der integrierten Stadtentwicklung

Das heutige Französische Viertel im Süden Tübingens entstand auf dem Areal der ehemaligen Hindenburg-Kaserne, einem Komplex aus den 1930er-Jahren. Hier war das französische Militär seit 1945 stationiert, ebenso wie in der Loretto-Kaserne, nur wenige hundert Meter entfernt. Heute herrscht hier buntes städtisches Treiben, das auf den ersten Blick nicht mehr an die Zeit der Garnison erinnert. Der freie Journalist Jörg Pfäffinger sprach mit Gabriele Steffen, Tübingens Erste Bürgermeisterin von 1990 bis 1998, die diese Stadtentwicklung mit gestaltet hat.

Frau Steffen, wie begann die Entwicklung dieses Quartiers?

Gabriele Steffen: Ende 1990 haben die Franzosen überraschend erklärt, dass sie abziehen, im Zusammenhang mit den damaligen politischen Umbrüchen. Auch früher war hier militärisches Gelände, die Hindenburg-Kaserne aus den 30er Jahren.

Nach diversen, oft kontroversen Diskussionen über die Zukunft dieses Areals brachte der Vorschlag von Andreas Feldtkeller, Leiter des Stadtsanierungsamts, den Durchbruch, auf dem Garnisonsgelände keine übliche Wohnsiedlung, sondern ein städtisches Viertel, eine ‘Stadt der kurzen Wege‘ ,entstehen zu lassen. Wir haben gut zusammengearbeitet, obwohl ich für alles in der Stadt zuständig war außer für Bauen: öffentliche Ordnung, Verkehr, Soziales, Kultur, Schule, Sport und mehr. Mich hat immer schon interessiert, wie eine Stadt aussieht, in der all dies zusammenkommt.

Wie verlief denn Stadtentwicklung bis dahin?

Steffen: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Stadtentwicklung so abgezeichnet, dass alle Funktionen getrennt wurden. Hier die Wohnsiedlungen abgetrennt in Eigenheimsiedlungen und Großwohnsiedlungen und dort Gewerbe- und Büroparks, Einkaufsparks und Sporteinrichtungen - alles funktional voneinander getrennt. Auch Tübingen hatte in den Jahren davor nur reine Wohnsiedlungen gebaut. Wir wollten das hier anders machen. Uns ging es darum, Wohnen und Arbeiten wieder mehr in Verbindung zu bringen.

Dabei geht es nicht nur um das Wohlfühlen, sondern wie man seinen Alltag gut organisieren kann. Das herkömmliche Familienmodell, bei dem der Mann zur Arbeit geht und abends zurück kommt, passt heute nicht mehr. Wie sieht ein Alltag heute aus? Wo wohnt man, arbeitet man und versorgt sich? Auf vielfältige Weise im Quartier miteinander verbunden zu sein, war unser Leitgedanke: das Modell, das auch die klassische Stadt gekennzeichnet hat, dass die Funktionen eng miteinander verbunden und die Wege kurz sind. Wie kann man so etwas heute neu bauen, war die Frage.

Da trafen unterschiedliche Interessen aufeinander.

Steffen: Da ging es um die Interessen unterschiedlicher Gruppen, z.B. gibt es für Kinder nur Spielplätze oder Kindereinrichtungen - oder wie sieht ein Stadtteil aus, wo Kinder auch auf der Straße und Teil des Stadtteils sein können? Wie sieht ein Stadtteil aus, wo man gut älter werden kann und vieles vorfindet, was man braucht? Aber auch das Leben von jungen Familien, die ihren komplizierten Alltag organisieren müssen, war uns ein Anliegen. Das hängt auch mit städtebaulichen Vorstellungen zusammen.

Welche städtebaulichen Vorstellungen waren das?

Steffen: Ein wichtiges Thema ist Dichte, im Gegensatz zur aufgelockerten Stadt, denn Dichte bedeutet auch Dichte der Kontakte – Kontakte zwischen den Menschen, die hier leben, aber auch Kontakte der Betriebe untereinander und zu ihren Kunden. Voraussetzung ist, dass Kompaktheit und Dichte mit Kleinteiligkeit und einer Vielfalt von Nutzungen verbunden sind.

Der öffentliche Raum, ein ganz wesentlicher Punkt, sollte nicht vorrangig dem Autoverkehr dienen. Es ist jedoch kein autofreies Viertel. Wir haben uns frühzeitig ein Teil-Auto-Konzept überlegt, das sich in Tübingen gut etabliert hat und gerade im Französischen Viertel starken Zuspruch findet.“

Wie wurden diese Ideen im Französischen Viertel umgesetzt?

Steffen: Schon Anfang 1991 wurde beschlossen, einen großen Teil des früheren Garnisonsgeländes - also weit mehr als das heutige Französische Viertel – als ‚Städtebaulichen Entwicklungsbereich Stuttgarter Straße‘ auszuweisen. Das wirksame Instrument ‚Städtebaulicher Entwicklungsbereich‘ hat sich als hilfreich erwiesen. Es versetzt die Stadt in die Lage, bei nachgewiesenem besonderem Bedarf an Wohnraum und Arbeitsplätzen die Grundstücke selbst zu erwerben zum entwicklungsunbeeinflussten Wert, also in diesem Fall als Kasernenbrache, dann zu entwickeln und weiter zu veräußern. Aus den realisierten Planungsgewinnen wird die Infrastruktur finanziert.

Wir wollten durchaus daran erinnern, dass hier einmal eine französische Garnison stationiert war. Diese hatte eine eigene Infrastruktur, eine Stadt in der Stadt, mit Kindergärten, Läden und Schulen. Wir haben den Prozess als Zivilisierung von Militärgelände verstanden. Wir wollten viel erhalten und umnutzen, bis hin zur Panzerhalle. Die französischen Straßennamen waren Ergebnis eines bürgerschaftlichen Ideenwettbewerbs, auch der Vorschlag, das Areal hier ‚Französisches Viertel‘ zu nennen“.

Ein hohes Maß an Bürgerbeteiligung.

Steffen: Von Anfang an haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, wer hier bauen kann. Wir wollten verschiedene und selbst entwickelte Wohnformen und andere Nutzungen möglich machen. Das Modell der Baugemeinschaften hat besonders gut gepasst. Hierfür konnten sich Interessierte mit eigenen Konzepten bewerben, über die Vergabe entschied ein städtisches Gremium. Die Grundstücke sind unterschiedlich groß, nach den Bedürfnissen der Menschen, die hier bauen wollen. 

Beteiligung sollte in unterschiedlicher Form möglich sein. Unter anderem gab es konkrete Projekte, die gemeinsam entwickelt wurden. Für die ehemaligen Pferdeställe z.B. interessierten sich Künstler und Gewerbetreibende, obwohl es in der Politik umstritten war, die Gebäude zu erhalten. Heute ist jeder froh, dass dieses Ensemble erhalten wurde. Beim Thema Soziales haben wir Interessierte für barrierefreies Wohnen und häusliche Pflege mit einer Architektin zusammen gebracht, die dann gemeinsam eines der Mannschaftsgebäude entsprechend geplant haben.

Auch dieses Modell ist durch bürgerschaftliche Teilhabe entstanden. Es hat sich gezeigt, dass mehrere soziale Einrichtungen diesen Standort positiv beurteilen und auch suchen, weil es hier im Quartier eine große Offenheit für Verschiedenheit gibt. Zum Beispiel hat sich auch ein psychiatrisches Rehabilitationszentrum eingemietet, weil das lebendige Umfeld als guter Standort gesehen wird.“

Stadt der kurzen Wege?

Steffen: Ein Kernpunkt ist konsequente Nutzungsmischung mit der Vorgabe, dass bei Neubauten im EG nicht gewohnt wird, sondern eine andere Nutzung entsteht. Es kann kein lebendiger Stadtteil werden, wenn im EG nur gewohnt wird oder sich dort Garagen befinden. Hier ist eine große Vielfalt an Nutzungen und Arbeitsstätten entstanden – von Handwerk bis IT. Der einfache Zugang zur Arbeitswelt ist ein wesentlicher Punkt städtischer Lebendigkeit.

Das Thema Stadt der kurzen Wege haben mittlerweile viele übernommen – aber dabei geht es oft um bloß um eine Bäckerei und nette Cafés, das Handwerk kommt dagegen meist nicht vor. Aber für mich gehört auch das Handwerk in das Quartier (ich komme aus einer Handwerksfamilie). Das hat auch einen Mehrwert für die Nachbarschaft. Kleine Läden und Cafés halten sich nicht in einem Viertel, in dem lediglich gewohnt wird, sie benötigen tagsüber Menschen, die dort ihren Arbeitsalltag haben.

Die Trennung der Nutzungen passt nicht mehr in unser heutiges Alltagsleben. Viele Menschen erwarten ihre Arbeitsplätze nicht weit draußen im versorgungsarmen Gewerbegebiet, sondern dass sie nahe ihrer Arbeitsstelle die notwendigen Besorgungen erledigen können. Das wünschen sich viele, aber wünschen alleine genügt nicht. Die Frage ist, wie es funktioniert und wie es zustande kommt. Darüber machen sich die Verantwortlichen nach meiner Erfahrung bis heute zu wenig Gedanken. Es reicht nicht zu sagen, wir hätten das gern und dann wird es in den Bebauungsplan geschrieben. Aber es muss sich tragen, es muss funktionieren, es muss ein Umfeld haben, das dafür sorgt, dass es tragfähig ist.“

Das Französische Viertel ist mit mehr als einer Buslinie an den Kernbereich Tübingens angebunden.

Steffen: Der ÖPNV hier im Quartier war mir von Anfang an wichtig, also eine gute Anbindung durch den Stadtbusverkehr. Man spricht bei der Stadtentwicklung viel von Wohnfolgeeinrichtungen, d.h., man denkt zuerst an das Wohnen und erst dann an das, was dann noch notwendig ist. Das ist meiner Meinung nach die falsche Reihenfolge: man muss schauen, dass alles im Zusammenhang entwickelt wird. Der ÖPNV muss von Anfang an dabei sein, damit die Menschen im Quartier von Beginn an das Gefühl haben, gut angebunden und nicht auf den PKW angewiesen zu sein. Und von Anfang an sollte eine gute Versorgung gesichert sein, damit ein lebendiger Stadtteil entsteht.

Ihr Resumé

Steffen: Integrierte Stadtentwicklung: Bauen, Soziales, Kultur, Wirtschaft in einem engen Zusammenhang zu denken. Wie entstehen soziale Kontakte, was hat der Städtebau, was haben Stadtstrukturen damit zu tun, wie man sozial unterwegs ist und welche kulturellen Möglichkeiten hat man? Wie kann Mobilität gestaltet werden, bei der nicht das Auto alles dominiert? Was haben Sicherheit, Gesundheit, Umgang mit Fremdem mit Stadtstrukturen zu tun? Wie können zivilgesellschaftliche Strukturen entstehen? Diese Zusammenhänge liegen meiner Arbeit zugrunde. Integrierte Stadtentwicklung ist auch Leitbild der Charta von Leipzig, aber die Umsetzung greift oft zu kurz. Das heutige ‚schnell und viel Bauen‘ birgt die Gefahr, dass Problemquartiere entstehen.

Das Französische Viertel ist ein Stadtteil, den die Bürgerinnen und Bürger selbst gebaut haben. ‚Die Stadt kann nicht alles machen - alle zusammen machen die Stadt‘, war mein Motto. Die Stadt als ein zivilgesellschaftliches Projekt.

Frau Steffen, vielen Dank für das Gespräch.

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