Interview

„Das Mieterstrom-Potenzial wird unterschätzt“

Es ist ruhiger geworden um die dezentrale Energieversorgung von Mehrparteiengebäuden. Doch der Schein trügt, sagt Florian Henle, Geschäftsführer des Energieversorgers und Mieterstromdienstleisters Polarstern. Trends in der Anlagentechnik und in der Vernetzung steigern vielmehr das Marktpotenzial.

Die Anträge zur neuen Direktförderung von Mieterstrom bleiben hinter den Erwartungen zurück. Ist der Markt gesättigt?

Florian Henle: Da wurde zu viel in zu kurzer Zeit erwartet. Mieterstrom ist ein Projektgeschäft im Baugewerbe, sprich von der Planung einer Mieterstromanlage bis zur Inbetriebnahme vergeht in der Regel mehr als ein Jahr. Hinzu kommt, dass einige Projekte, gerade die größeren Quartiersprojekte, aus der Förderung rausfallen. Allein die Antragszahl als Maßstab für die Nachfrage im Markt zu nehmen, greift zu kurz.

Ist Mieterstrom also weiterhin ein Wachstumsmarkt?

Florian Henle: Auf jeden Fall. Allgemein wird das Potenzial in meinen Augen tendenziell unterschätzt. Es tut sich sehr viel im Markt, sowohl auf Seite der Anlagentechnik, also auch bei ihrer Verknüpfung, der Sektorenkopplung. Damit steigt der Mehrwert, den Mieterstrom bietet. Und zwar in immer mehr Bereichen und Aspekten unseres Lebens. Das fördert die Unterstützung und die Nachfrage.

Aber, das alles passiert nicht von heute auf morgen. Diverse Pilotprojekte sind dazu in der Umsetzung. Zum Beispiel ein Projekt in Esslingen, bei dem wir als einer von zwölf Partnern fünf Jahre lang vor Ort die Grundlagen für eine zukunftsfähige Energieversorgung erarbeiten. Zentrales Element des Projektes ist die gebietsübergreifende Nutzung lokaler und überregionaler erneuerbarer Energiequellen innerhalb des neuen Quartiers namens Lok.West.

Was ist zu tun, um diese Entwicklung zu fördern?

Florian Henle: Es gibt viele Stellschrauben. Zum einen sicherlich die Weiterentwicklung und Verbesserung der Mieterstromprozesse, wozu auch regulatorische Aspekte gehören. Es muss einfacher werden, die Mieterstromversorgung umzusetzen. Die Angst, sie könnte einseitige Vorteile bringen, ist unbegründet. Nur wenn alle Parteien, der Immobilienbesitzer, genauso wie der Anlagenbetreiber, der Mieter und der Dienstleister etwas davon haben, kann Mieterstrom erfolgreich realisiert werden. Hat nur einer kein Interesse oder ist zu sehr auf seinen Vorteil bedacht, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt.

Weil es auf so viele verschiedene Parteien ankommt, sind reibungslose Prozesse und klare Rechtsgrundlagen wichtig. Ständig neues Abklären und Aushandeln der Details verteuert nicht nur die Projekte, sondern führt auch zu mehr Aufwand und damit Verdruss bei allen Beteiligten.

Ist das ein Aufruf zu mehr Standardisierung?

Florian Henle: Das muss auf jeden Fall das Ziel sein. Mieterstrom bleibt ein Projekt-geschäft und das Beste lässt sich bei einer individuellen Planung der Anlagen und ihrer Verknüpfung herausholen. Aber in der Umsetzung, gibt es einiges an Standardisierungspotenzial, zum Beispiel bei den komplexen Messkonzepten. Die Kunst ist, individuelle Planung und möglichst standardisierte Prozesse zueinander zu bringen. Das ist die große Aufgabe in der Energiewirtschaft und -politik. Und es ist ein entscheidender Aspekt, um mehr Mieterstromprojekte zu realisieren.

Sind Förderungen für das Marktwachstum erforderlich?

Florian Henle: Förderungen sind in erster Linie wichtig, um Marktanreize zu schaffen. Aber sie müssen ein klares Ende haben. Ein Mieterstromprojekt alleine aufgrund einer Förderung umzusetzen, ist Quatsch. Es muss sich schon rechnen und sich langfristig von alleine tragen können.

Welche Trends gibt es auf Anlagenseite?

Florian Henle: Klassische Mieterstromprojekte beinhalten eine PV-Anlage oder ein BHKW. Inzwischen gibt es immer mehr Gebäude, bei denen die Anlagen miteinander verknüpft werden. So wird mehr vor Ort erzeugter Solarstrom auch vor Ort genutzt und produziert. Das verbessert die Wirtschaftlichkeit des Angebots.

In Pilotprojekten werden bereits neue Techniken erprobt, sprich Wärmepumpen, Gewerbespeicher, Elektrofahrzeuge, Brennstoffzellen etc. integriert.

Macht das die Projekte nicht komplexer?

Florian Henle: Die Projekte werden komplexer. Mit der Komplexität steigt aber auch die Rentabilität der Objekte. Neben immer effizienteren Anlagen trägt insbesondere verbesserte Vernetzung dazu bei, dass mehr Energie dezentral produziert und genutzt werden kann. Und durch die Nutzung intelligenter Steuerungen kann die Abstimmung in der Praxis ver­bessert werden. Der Planungsaufwand zur Inte­gration unterschiedlicher Schnittstellen steigt dennoch. Je besser die Anlagen aufeinander abgestimmt sind und so Stromerzeugung und -bedarf zueinander passen und sich Speicheroptionen ergänzen, umso wirtschaftlicher arbeitet das Gesamtsystem. 

Etwas weiter in die Zukunft geblickt, welche Rolle hat Mieterstrom in der Stadt der Zukunft?

Florian Henle: Mieterstrom ist das Rückgrat intelligenter, klimafreundlicher Städte von morgen. Ein ideales Testfeld sind dazu heute die Microgrids der städtischen Quartiere. Die zunehmend dezentrale und digitale Energieinfrastruktur ermöglicht eine optimierte Ressourcennutzung und Prozessgestaltung, die für die urbane Entwicklung immer wichtiger wird. Gleichzeitig reicht der Einfluss der vernetzten Energieversorgung weit über den Strom- und den Wärmemarkt hinaus, bis in die städtischen Infrastrukturen hinein, etwa im Bereich der Mobilität. Dabei sind Technik und Digitalisierung kein Selbstzweck. Richtig genutzt sind es sehr wirkungsvolle Mittel zum Zweck, nämlich die Lebensqualität in der Stadt zu erhalten und idealerweise zu verbessern.

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